Kultur : Trauerzug der Geister

Zu Ehren von Claudio Abbado: die Berliner Philharmoniker unter Zubin Mehta.

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Das Adagietto aus Mahlers Fünfter als Hommage an den Mahler-Interpreten und früheren Philharmoniker-Chefdirigenten Claudio Abbado. Musik, die sich aus dem Nichts manifestiert, sich aufbäumt und verdichtet – das erste Konzert der Philharmoniker nach Abbados Tod beginnt mit einer Schweigeminute, gefolgt von jenen atmosphärischen Streicherklängen, die Mahler der Stille abrang. Danach bitte kein Applaus, moderiert Intendant Martin Hoffmann die Programm-Ergänzung an. Also fällt das Adagietto wieder in jene Stille zurück, deren Meister Abbado zeitlebens war. Im gleichen Sinne dirigiert Zubin Mehta Weberns „Sechs Stücke für Orchester“: äußerste Zärtlichkeit, hauchfein vibrierende Luft, versprengte Reste der Spätromantik – die zweite Wiener Schule als Echo auf Mahler.

In Weberns „Marcia funèbre“ kondolieren die Geister. Wie ein Windhauch nähert sich der Trauerzug, mit ultratiefen Glocken und pianissimo grollender Trommel. Reine Jenseitsmusik, bis zu den finalen Schlägen, hart und verzweifelt. Und noch einmal beschwört Rudolf Buchbinder den Geist des Adagiettos, wenn er das Seitenthema im Kopfsatz von Beethovens 5. Klavierkonzert und die Trillerpassagen des Adagios mit schmerzhaft gläsernem Schimmer versieht. Auch wenn er die Rubati, sein Ringen um Innigkeit und Ausdrucksintensität reichlich jovial intoniert.

Zwei Drittel der jetzigen Philharmoniker gehörten bereits unter Abbado zum Orchester, die Konzerte mit Mehta sind seinem Gedenken gewidmet. Im Foyer duften die Lilien neben zwei Kondolenzbüchern und großen Abbado-Fotos. Abbado und Zubin Mehta, eine Geschichte für sich. Beide studierten in Wien bei Swarowsky, beide traten in den Chor des Musikvereins ein, um Karajan, Böhm und Knappertsbusch bei den Proben erleben zu können. Beide gingen zum Workshop des Boston Symphony Orchestra nach Tanglewood, Massachusetts. Dort gewinnt Abbado den Nachwuchsdirigenten-Wettbewerb, Mehta wird Zweiter. Weltkarriere machten sie beide.

Mehtas souveränes Dirigat kehrt die Kontraste hervor, legt Wert auf Durchhörbarkeit und kräftige Farben. Bei Strauss’ „Heldenleben“ führt das zu unnötig forcierten Passagen. Die Tondichtung selber ist ja schon Auftrumpfen und herrische Pose genug. Die in aller gebotenen Schrille seitens der Bläser vorgetragene Häme gegen alles Andersartige berührt unangenehm.

„Weg vom Pathos! Weg von den 24-pfündigen Dauermusiken; von den gebauten und konstruierten Türmen, Felsen und sonstigen gigantischem Kram.“ Das sagte Webern, den Abbado so schätzte. Dessen Orchesterstücke, gut zehn Jahre nach dem „Heldenleben“ enstanden, hat er öfter mit den Philharmonikern aufgeführt. Christiane Peitz

Noch einmal heute. An der Staatsoper dirigiert Mehta am 2., 5., 8. und 13. 2. „Salome“ sowie am 15., 19. und 22. 2. „Aida“.

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