Kultur : Traum aus Seesand

TON UND TÖNE

Helmut Caspar

Schinkels klassizistische Elisabethkirche in Berlins Mitte ist, der Deutschen Stiftung Denkmalschutz (DSD) als wichtiger Geldgeberin des Wiederaufbauwerks sei Dank, eine große Baustelle. Und mit Bauen im Mittelalter hat auch die Ausstellung „Dialog des Geistes – Wege zur Backsteingotik“ zu tun (Invalidenstraße 3, bis 27. Juli, täglich 10 bis 22 Uhr). Die Schau macht mit den großen Monumenten sakraler Baukunst in den norddeutschen Hansestädten bekannt und zeigt, welcher Anstrengungen es bedurfte, die großen Dome, Stadtkirchen und Klöster aus gebranntem Ton zu errichten. Besucher können sich, auf Ostseesand an einem langen Schriftband entlang wandelnd, mit 2000 Jahren Kirchengeschichte vertraut machen. Doch wenn sie sich gerade in die Texte und Bilder vertieft haben, ruft eine bekannte Stimme in den Altarraum. Bruno Ganz leiht sie fünf überlebensgroßen Tonfiguren, die im Halbkreis Platz genommen haben und über Gott und die Welt, über Toleranz und Liebe, Tod und Jenseits disputieren. Da die Kirche eine Baustelle ist, gibt es Vogelgezwitscher, Handwerkerlärm und Straßengeräusche. Die meisten Besucher entdecken die lange zugesperrte Schinkelkirche für sich, die nun wie Phoenix aus der Asche zu neuem Leben erwacht. Wenn man ins Gästebuch schaut, spürt man neben Begeisterung auch Betretenheit mancher Schreiber, bisher achtlos an diesem Kleinod vorbei gegangen zu sein, das in der DDR – Schinkel hin oder her – dem Verfall preisgegeben war. In den verbleibenden Wochen wollen DSD und Kirchgemeinde zudem Lesungen, Konzerte und Diskussionen veranstalten.

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