Kultur : "Traum im Herbst": Liebe auf dem Totenacker

Günther Grack

"Liebe und Tod, immer nur Liebe und Tod", sagt der Mann zu der Frau, die er auf dem Friedhof einer kleinen Stadt, irgendwo in Norwegen an einem Fjord, getroffen hat. Er bringt damit auf einen Begriff, worum es geht in diesem Theaterstück, das eine begriffliche Sprache im Übrigen vermeidet. Jon Fosse, der Dramatiker einer neuen Einfachheit, lässt seine Personen vielmehr im Alltagston miteinander reden, in einer Sprache, die sich in Wiederholungen flüchtet oder in Pausen verstummt.

Thomas Ostermeier und seine Berliner Schaubühne haben dem Norweger im Sommer 2000 bei den Salzburger Festspielen zum Durchbruch im deutschsprachigen Raum verholfen: "Der Name" war die schlichte Geschichte eines jungen Mädchens, das hochschwanger mit seinem Freund ins Elternhaus einkehrt, doch keineswegs guter Hoffnung sein darf, was die Zukunft betrifft - eine Liebe, die sterben wird. Eine deutschsprachige Erstaufführung ist nun auch "Traum im Herbst", mit dem sich die Schaubühne abermals für Fosse einsetzt, diesmal unter der Regie von Wulf Twiehaus, der voriges Jahr noch Ostermeiers Assistent war - hier reichen sich die Liebe und der Tod die Hand zu einem Totentanz bei Lebzeiten.

Fosse ist freilich kein Strindberg, sein "Traum im Herbst" kein "Traumspiel", das zwischen Gott und Mensch metaphysische Dimensionen ausmisst. Hier kommt keine Tochter Gottes auf die Erde herab, um die Menschheit zu retten, hier findet sich lediglich, wie von ungefähr, eine Frau auf einem Friedhof ein, um einen Mann zu treffen, der sich dort, wie zufällig, aufhält. Man hat sich seit Jahren aus den Augen verloren, die Frau ist in eine andere Stadt gezogen, der Mann hat eine andere Frau geheiratet, ist Vater eines Sohnes geworden - soll man nachholen, was man einmal versäumt hat? Man bricht auf, kehrt wieder zurück, begegnet den Eltern des Mannes, die in Trauerkleidung, mit Kranz nebst Schleife, zur Beerdigung der Großmutter auf dem Friedhof erschienen sind; später kommt auch noch die Frau des Mannes hinzu, inzwischen von ihm geschieden, mit der Nachricht, dass ihr Sohn krank ist, womöglich sterbenskrank ...

Wie schnell die Zeit vergeht, wird die Mutter des Mannes zu klagen nicht müde: "Ein Leben ist wie ein Wolkenhimmel, bevor es dunkel wird." Jon Fosses Stück, ein Text ohne szenische Gliederung, gehorcht nicht dem Ablauf der Normaluhr, er wahrt die Einheit des Ortes, aber nicht der Zeit. Wir sehen, wie der Mann und die Frau sich näher kommen, sich entfremden und wieder zueinander finden; wir hören, dass der Vater des Mannes gestorben ist, der Sohn des Mannes ebenfalls; wir sehen am Ende, wie der Mann den Friedhof verlässt, und wir hören die Frau sagen, dass er gestorben ist. Das letzte Wort hat die Mutter des Mannes, sie fordert die beiden Frauen ihres Sohnes auf: "Wir sollten wohl gehen, es ist Zeit."

"Es ist schade um die Menschen" - anders als Strindbergs "Traumspiel", in dem die Tochter Gottes als Resümee ihrer Mission zu diesem traurigen Befund gelangt, enthält sich Fosses Traumspiel jeder über es hinausweisenden Botschaft. Wulf Twiehaus und seinem Team ist gleichwohl bemerkenswert gelungen, aus dem diffusen Gespinst ein Maximum an atmosphärischen Reizen und psychologischen Spannungen herauszuholen. Eine hügelige Landschaft mit Grabsteinen links und rechts und zwei Kieswegen, die sich an einer Parkbank kreuzen: Volker Thieles Breitwandbühne liegt in einem auf- und abdämmernden Licht (Erich Schneider), wie von Wolkenschatten gestreift. Herein weht immer wieder eine ferne Musik (Jörg Gollasch), eine Melange aus Grummeln und Zirpen, aus Flüstern und Wispern und einer zarten Sopranstimme (Margareth Kammerer), die freilich nichts Genaues artikuliert. Anders als Vater und Mutter, die in würdigem Trauerfeierschwarz erscheinen (Kostüme: Silvia Albarella), tragen der Mann und die Frau saloppe Alltagskleidung, passend zu dem Anlass, der sie hier zusammenführt, ob nun ein Zufall oder auch nicht.

Thomas Bading und Anne Tismer zeigen die Kontaktaufnahme des seltsamen Paares als komisches Spiel mit dem Feuer - sie berührt seine Hand, er zuckt zurück. Später, wenn sie ihn auffordert, Liebe zu machen, hier und jetzt auf dem Totenacker, und sie sich an die Wäsche gehen, wird "ein ernstes Spiel" daraus - der sexuelle Akt als Akt der Verzweiflung. Anne Tismer wechselt zwischen dem Bekenntnis zum Leben, das sie in ein helles, schnelles "Ja" fasst, und der Klage über ihr Alleinsein, die sie in einem durchdringenden Schrei gipfeln lässt. Auch Thomas Bading darf als eher schüchterner Mann einmal aus sich herausgehen, beim wütenden Ausbruch gegen die Mutter, deren scheinfreundliches Geschwätz er als Ausdruck vorwurfsvoller Arroganz zurückweist. Während Wolf Aniol in der gravitätischen Pose des Vaters "Immer mit der Ruhe" anmahnt und Cristin König als Schwiegertochter nicht mehr tun darf, als einen schmalen, blassen Ernst auszustrahlen, liefert Therese Affolter mit der Mutterrolle ein komödiantisches Kabinettstück: die plappernde Selbstgerechtigkeit in Person. Momentweise verrät sich indes: Auch sie hat Angst, auch sie ist leidensfähig. Das versöhnt mit dieser älteren Frau, die doch - sie äfft eine zahnlose Greisin nach - "so alt" nicht sein will.

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