Kultur : Traum in Eichhörnchenrot

Cristina Moles Kaupp

Ein trendbewusster Japaner stöbert im Internet. Er sucht nach einer "Déesse", jener Göttin auf vier Rädern aus dem Hause Citroen, und wird sie finden in Eichhörnchenrot. Allerdings erwartet ihn das formschöne Wunder in Australien und so verlässt der junge Mann sein aseptisches Heim, seine geliebten Reptilien, sein hochtechnisiertes und daher so sicheres Tokio. Angekommen downunder hat sich der Verkäufer nebst Frau längst erschossen. Statt dessen empfängt ihn ein sonderbares, blindes Mädchen mit eichhörnchenroten Haaren und einem T-Shirt so blau wie die Sitze jener DS, die in der Garage verheißungsvoll schimmert. Er könne den Wagen haben, meint die Blinde, vorausgesetzt, er brächte sie an einen bestimmten Ort. Also fahren sie los quer durch den fünften Kontinent.

Es wird eine eigentümliche Reise voller Pausen. Immer wieder unterbricht die chinesische Regisseurin Clara Law den Fluss ihrer Geschichte, kreist um die DS 19, dem einstigen Fetisch designverliebter Fortschrittsgläubiger. Sie konfrontiert technische Allmachtsphantasien mit den Urängsten vor Naturgewalten und seelischen Abgründen, zitiert Werbefilme, Roland Barthes und Zeitungsnotizen, um beiläufig zu zeigen, wie Menschgemachtes das Numinose verdrängt. Mag die Goddess inzwischen noch so veraltet sein, der Wagen ist noch immer Kunstwerk und Chiffre genug, um selbst Gegensätze zusammenzuführen wie diese beiden jungen Menschen. Ihre vorsichtige Annäherung ist nicht nur phantastisch erzählt, sondern ein hintersinniges Arrangement aus Farben und Perspektiven.

Natürlich führt die Reise auch in die Vergangenheit der Protagonisten, und selbstverständlich kommt auch Law an Klischees nicht vorbei. So zeigt sie die postmoderne Kühle Tokios in blauflimmernden digital verfremdeten Bildern - als perfekt kalkulierten aber menschenleeren Raum. Das Leben sei dort wie auf dem Mars, bemerkt der Japaner und meint damit den Schokoriegel. Nun zoomt sich der gestylte Kerl wie ein Außerirdischer durch ein archaisches Paradies, wortkarg, doch höflich und sensibel. Zuhause hat er via Computer eine Bank betrogen, um sich seinen Traum von der DS 19 zu erfüllen, um darin seinem Idol Alain Delon ein Stück näher zu sein. Fuhr nicht auch der coolste Killer aller Zeiten mit einer Déesse durch Melvilles Männerwelt? Doch wofür will der Junge eigentlich kämpfen? Etwa für ein Stück unverstelltes Leben?

Obwohl mit Satelliten-Telefon und Navigationssystemen für alle Eventualitäten gerüstet, wäre er hier ohne seine Begleiterin verloren. Deren Hilflosigkeit trügt, sie ist der wahre Racheengel in dieser skurrilen Geschichte. Ihre Geschichte ist durchdrungen von gescheiterten Hoffnungen, enttäuschtem Vertrauen und Missbrauch. Nur eines treibt die 17-Jährige an: der Hass auf ihren Vater. Ein Unmensch, ein Lebensvergifter, der sich inzwischen in eine Unterwelt verzogen hat, irgendwo am Rand des Wahnsinns. Dort will die Blinde ihn nun richten.

Doch bis es soweit ist, werden fünf Tage vergehen, in denen die beiden nicht nur durch ihre Innenwelten driften. Als sie beginnen, ihr bisheriges Leben in Frage zu stellen, stoßen sie auf unbekanntes Emotionsgelände. So wendet sich das Roadmovie in eine schüchtern charmante Liebesgeschichte, die nach Werten und modernen Göttern fragt, um dann ganz schlicht jenen Mut zu fordern, den es braucht zum Abschiednehmen.

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