Kultur : Traum vom Segelfliegen

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Hans-Jörg Rother

Sie trampen in Güterwaggons und wandern übers Land. Der Vater, der seine Frau und den Arbeitsplatz zugleich verloren hat, macht gern auf einsamen Gehöften Station. Den elfjährigen Sohn dagegen drängt es weiter. In Koktebel auf der Insel Krim wartet die Tante. Und außerdem sollen dort die besten Windverhältnisse für Segelflugzeuge herrschen. Die Reise des russischen Debütfilms Koktebel endet mit einem verheißungsvollen Bild, das der Schlussszene von Truffauts „Sie küssten und sie schlugen ihn“ gleicht: Plötzlich sitzt der Vater am Meer neben dem Jungen, der sich aus Enttäuschung allein nach Koktebel durchgeschlagen hat.

Den tatarischen Ortsnamen sucht man auf älteren Atlanten vergeblich, denn aus Koktebel war jahrzehntelang das sowjetische „Planerskoje“ (etwa: Segelflugstadt) geworden. Dem innerlich einsamen Jungen klingen beide Bezeichnungen wie ein Mythos in den Ohren – und dem Zuschauer dazu. Boris Chlebnikows und Alexei Popogrebskijs hervorragender Film, den sie – beide Jahrgang 1972 – seit 1995 hartnäckig vorbereiteten, wirkt wie ein Hoffnungslicht in Zeiten der Depression. Er ist ein Kinomythos, wie ihn die russische Gesellschaft wieder braucht: Wo sich die Älteren resigniert zurückziehen, entdecken die Jungen Pathos und Lebensmut neu.

Wenn er zu seiner starken Tradition steht und den sentimentalen Klageton der Wendezeit überwindet, ist der russische Autorenfilm erneut eine Herausforderung. Nach dem Venedig-Preisträger „Die Rückkehr“ bildet auch „Koktebel“ eine Vater-Sohn-Geschichte ab. Archaische, spröde Gesichter bleiben in Erinnerung und eine menschenarme Landschaft, wie geschaffen für unbeugsame Charaktere.

Heute 15 Uhr (Cinemaxx 3), morgen 20 Uhr (Babylon), 9.2. 22.30 Uhr (Arsenal), 15.2. 19 Uhr (Delphi)

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