Kultur : Traum vom Teppichmesser

Kino (2): Israel Horovitz’ Homemovie über den 11. September

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Dieser Jahrestag naht mit besonders schweren Schritten, auch wenn nicht alles, was dazu gesagt wird, dem versprochenen Gewicht entspricht. Eine Ausnahme dürfte die Original-Reportage der Brüder Jules und Gédéon Naudet vom Ort des Anschlags sein, die am 11. September in 142 Ländern im Fernsehen ausgestrahlt werden wird. (vgl. Tagesspiegel vom 1.9.) Ein Medien-Großereignis. Und ein Zufallsprodukt: Denn die Frères Naudet waren eher versehentlich „vor Ort“. Dagegen ist „Three Weeks After Paradise“ von Israel Horovitz ein kleiner Film, nicht mal eine ganze Stunde lang.

Als am 11. September vor seinem Fenster die Türme Feuer fingen, sitzt Horovitz gerade in seiner Küche beim Frühstück. Horovitz ist New Yorker, ein bekennender dazu. Er lebt in Manhattan, in der West 11th Street, nur fünf Jogging-Minuten von Ground Zero entfernt. Und sein jüngster Sohn ist zur Schule gegangen, direkt bei den eingestürzten Türmen. Der hat Glück. Das Gebäude wird nicht in Mitleidenschaft gezogen. Auch alle anderen Familienmitglieder bleiben unversehrt. Doch direkt vor der Haustür wachsen wenig später die Bilderwände mit den Such- und Verlustmeldungen, der „Wall of Hope“. Im Land sprießt der Patriotismus, als wären Flaggen eine Antwort auf den Schrecken. Antworten weiß auch Horovitz nicht. Doch als erfolgreicher Dramatiker und Drehbuchautor ist er das Formulieren von Fragen gewohnt.

So setzt er sich in ein kleines Studio und spricht es sich von der Seele, sein „home-movie from hell“. Berichtet von seinen Ängsten und Besorgnissen, Erlebnissen, Obsessionen, auch Erleichterungen, und dann doch wieder nur Angst. Eine narrative Entwicklung gibt es nicht, nur eine Bewegung von der ersten Schock-Reaktion bis zu ausschweifenderen Reflexionen über Leben und Tod, die Qualen der Erinnerung, die Politik. Bush Junior kommt nicht gut dabei weg, weil sich Familienvater Horovitz zu sehr auch mit seinen irakischen und palästinensischen Vaterkollegen identifiziert, um Rache zu begrüßen. Doch auch Susan Sontag, die meinte, wer wie die Attentäter sein Leben aufs Spiel setze, könne nicht als Feigling bezeichnet werden, wird kritisiert. Als Leitmotiv ein Traum, in dem Horovitz als Super-Daddy die Terroristen mit dem Teppichmesser überwältigt. Dazwischen kunstvoll montierte Homemovie-Fetzen aus dem Familienalbum – und aus anderen Archiven.

Meist aber gibt es den Mann in den mittleren Jahren, frontal, nah, schwarzweiß. „Three Weeks After Paradise“ ist eine schlichte One-Man-Show, doch um vieles spannender als so manche komplizierte Komposition. Und radikale Subjektivität ist kein schlechter Filter für ein Ereignis von historischer Bedeutung, wenn man sie als solche kenntlich macht. „Three Weeks After Paradise“ ist Selbstbefragung und Dokument.

Das lässt uns die Freiheit, seiner letzten – titelgebenden – Konsequenz nicht beizupflichten: dass mit dem Datum des 11. September 2001 das Paradies gestorben sei. Ist das nicht schon mindestens tausend Jahre tot? Familienväter können schon sehr beschränkt sein. Doch vielleicht meint Horovitz ja genau diese Beschränkung, wenn er sagt, dass Hitler einen Juden aus ihm gemacht habe und Osama bin Laden nun einen New Yorker. Silvia Hallensleben

In Berlin im Kino Eiszeit (OmU)

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