Kultur : Trauma nach dem Terror: Gespenster

Der Münchner Schriftsteller Albert Ostermaier

Es kommt kein guter Abend mehr heran, der Tag danach hält seine Stunden an, die Zeit steht still in der Wiederholung der Bilder. Nichts ist mehr, wie es war, und nichts wird, wie es werden sollte. Es gibt keine Stunde Null, der Zeiger schlägt nicht weiter, nur eine Höhe Null, auf der wir stehen und warten. Die Zukunft ist dem Erdboden gleich gemacht, gleich dem Horizont, eine unerreichbare Linie, die sich nach hinten schiebt, je näher wir ihr kommen. Die Erde wird wieder zur Scheibe und an ihren Rändern lauert der Abgrund unserer Ängste. Es schwindelt einen, wenn man hinunterschaut, dort, wo die Menschen sind. Der Fundamentalismus hat nicht unsere Fundamente ausgehoben, er hat, was wir auf ihnen errichteten, dem Himmel zu, niedergerissen.

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Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige Die Vertikale unserer Träume ist in sich zusammengefallen. Es gibt keine Richtung mehr, wir drehen uns in einem Kreis, und unsere Spuren vertiefen sich, treten sich fest. Die Erinnerung ist gefangen in ihren Endlosschleifen, das Trauma sind die Bilder, die uns in ihrer permanenten Wiederkehr traumatisieren. Es ist wie nach einem Unfall, zuerst kommt der Schock, der unseren Körper rettend vor dem Schmerz schützt und in Taubheit taucht, eine zweite Haut, die die erste abschließt. Doch mit dem Bewusstsein, was geschah, kehrt auch der Schmerz zurück. Wer in Ohnmacht fällt, will, sobald er aufwacht, sofort dort anschließen, wo er aus der Zeit fiel, als müsste er nur einen Satz zu Ende führen, den er begonnen hatte und mit einer Pause unterbrach. Es ist nichts geschehen, es ist nichts geschehen, alles wird gut. Der Alltag muss weiter gehen, doch er geht nicht weiter wie alle Tage.

Auch wenn die Werbespots wieder ein besseres Leben versprechen und uns zurückbeschleunigen wollen in unsere Fluchtgeschwindigkeiten, auch wenn die Börsen wieder öffnen, Optionen gezeichnet, Futures gehandelt werden, die Traumstrände ihr Blau neu mischen und der Ball wieder mit dem Rubel rollt, die Friedenstaube auf der Stadionseitenbande von den Lebensversicherern und Schmerztablettenlogos überschrieben wird, die Flugzeuge wieder in den Himmel steigen und aus ihm zurückkommen auf die Landebahnen: Es hat sich etwas geändert, weil sich etwas ändern kann. Alle unsere Sinne sind sensibilisiert und ins Wachsein gespannt, die Wahrnehmung nimmt nicht mehr das Gleiche für wahr, sondern das Andere, eine Pfütze kann das Loch in der Erde sein, und wir brauchen eine Hand, die uns über sie hilft, Schritt für Schritt.

Der erste Angriff war eine Überraschung, danach überrascht uns die Wirklichkeit weniger, denn das Erwartete kehrt im Wiedergesehenen zurück: Flüchtlingsströme über die Flüsse New Yorks und an den Grenzen Afghanistans, Menschen mit nichts als dem Staub in den Händen, Sternenbanner über dem zu Boden gestürzten Himmel, singende Soldaten, Leichenteile in Ruinen, Klingelzeichen aus dem Schutt, Anrufbeantworter, die ein letztes "I love you" speichern, synchronisierte Erregungszustände, Kriegsanleihen, Spendenkonten, Blutkonserven, Politiker, die drohen und solche, denen die Worte zu versagen drohen, die, die wussten, was kommen wird, und die, die kamen, ohne dass wir es wussten, und vorgeben, was geschehen wird.

Und auch wir spüren den Angriff, denn für viele von uns ist Amerika mehr als ein Land in weiter Ferne so nah, ist Amerika ein Körper- und Bewusstseinszustand, so konkret wie eine Coca Cola an den Lippen, so abstrakt wie eine Idee, die man hassen oder lieben kann. Wir können zu Amerika nicht gleichgültig sein. Der Balkan liegt räumlich näher, doch Amerika ist für uns ein Innenraum. Es ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, leider nun auch der schlimmsten. Und wir erfahren Gefühle in uns, die wir so nicht mehr für möglich gehalten haben. Diese plötzliche Wut unter der eingeübten Vernunft, dieser erste Impuls zur Rache, zum Gegenschlag, diese perverse Faszination an der Perfektion des Grauens für einen Moment, das Zueinanderkommen, an einem Strang ziehen, das Atemanhaltenteilen, die Betroffenheit, weil wir getroffen sind, dieser irrationale Sog, dass der Ausnahmezustand nicht enden soll, trotz allem Wünschen, dass er enden möge. Das Warten auf den Krieg, der bislang nur erklärt ist und nichts wird klären können. Fragen, die sich uns nie stellten, stellen sich vor unsere Antworten, die wir längst gegeben hatten auf alle Hypothesen.

Wie lange wird es anhalten? Dieses Erschrockensein selbst oder gerade auch im Banalen. Wenn der Blick beim Bäcker einfriert, als er auf die Milchschokoladenzigaretten für Kinder fällt, die Schachtel mit dem Schriftzug New York und der pastellfarbenen Skyline, die nun defaced ist. Wann können wir uns wieder einen "Guten Tag"wünschen, ohne dabei auch zusammenzuzucken. Es ist, als würde die Elf immer noch auf den Uhren stehen, und die Abendstunden hätten Asche im Mund. Viele sagen, es sei die pure Hysterie, wir sollten besonnen sein. Ein schönes Wort: Besonnenheit. Es strahlt, es hat Zuversicht und Absicht. Aber vertreibt es die Ängste, das Dunkel, von dem wir glauben, dass es mit dem Abend kommt, wenn die Sonne untergeht?

In Goethes "Wahlverwandtschaften" heisst es: "Wir spielen mit Voraussagungen, Ahnungen und Träumen und dadurch das alltägliche Leben bedeutend. Aber wenn das Leben nun selbst bedeutend wird, wenn alles um uns sich bewegt und braust, dann wird das Gewitter durch jene Gespenster nur noch fürchterlicher." Wird es fürchterlicher werden? Die Gespenster haben ein Gesicht und auch keines. Der Feind ist unsichtbar. Sichtbar ist nur seine Zerstörung, sichtbar sind die Gesichter der Opfer vor ihrem Tod, sichtbar sind die Abgrenzungszäune vor der Blindstelle.

Was wird mit dem Abend über das Land kommen? Im "West-östlichen Divan" ist ein Satz, der auf das Morgen zielt. Er trägt alles in sich, die Hoffnung auf die Veränderbarkeit und die Angst vor dem Unveränderlichen: "Noch ist es Tag, da rühre sich der Mann, / Die Nacht tritt ein, wo niemand wirken kann."

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