Kultur : Trauma & Therapie

Das Filmkunst 66 würdigt den Italiener Roberto Faenza

Frank Noack

In seiner Blütezeit hatte das italienische Kino mehr Regiestars vorzuweisen als jedes andere Filmland. Dabei waren nicht nur Rossellini, Visconti, Fellini und Antonioni international ein Begriff. sondern auch solide Handwerker wie Dino Risi oder Damiano Damiani. Heute ist Italiens Kinoblüte längst verblasst. Wer kennt noch Roberto Faenza? Gerade mal zwei seiner Filme haben den Weg in unsere Kinos gefunden: „Copkiller“ (1983), ein Thriller mit Harvey Keitel und Johnny Rotten, und „Erklärt Pereira“ (1995), Marcello Mastroiannis Abschiedsvorstellung.

Der 1943 in Turin geborene Faenza ist kein exzentrischer Selbstdarsteller. Er adaptiert literarische Vorlagen oder porträtiert historische Persönlichkeiten. Vor allem interessiert sich für leidenschaftliche, kreative, aufbegehrende Frauen. Die taubstumme Titelheldin von „Marianna Ucria“ (1997) muss als 13-Jährige mit ansehen, wie ein jugendlicher Dieb gehängt wird. Ihr Großvater (Philippe Noiret) hofft, der Schock werde ihr die Stimme wiedergeben. Vergebens. Marianna wird an einen 50-jährigen Onkel verheiratet, von dem sie nach seinem Tod erfährt, dass er sie im Kindesalter vergewaltigt hat. Trauma und Therapie – dieses Motiv bestimmt auch „The Soul Keeper“ (2002), das Porträt der russischen Jüdin Sabina Spielrein, die Patientin bei Jung und Freud war und selbst Psychoanalytikerin wurde. In „Der verlorene Geliebte“ (1999) verdrängt eine Frau den Unfalltod ihres kleinen Sohnes, indem sie mit ihrem Mann von England nach Tel Aviv zieht.

Faenza liebt seine Schauspielerinnen, Emilia Fox, Emmanuelle Laborit, Juliet Aubrey. Dabei bleiben seine opulente Ausstattung, die detailversessenen Kostüme, die satten Farben und die dezent bewegliche Kamera, frei von Manierismen. Schönheit ohne Kitsch – das ist selten im Kino.

Bis28. April. Am Sonnabend, 17.30 Uhr: „The Soul Keeper“ (der Regisseur ist anwesend).

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