Kultur : Traumgesichte der Schoah

Schwebende Realitäten: Die Literatur des israelischen Schriftstellers Aharon Appelfeld.

Marie-Louise Knott

Noch in den sechziger Jahren sagte Heinrich Böll, der Holocaust sei kein Thema für fiktives Erzählen, man könne sich dem Geschehenen nur dokumentarisch nähern. Auf ähnlichen Widerstand stieß der israelische Schriftsteller Aharon Appelfeld, als er Ende der fünfziger Jahre zu schreiben begann. Bereits seine erste Kurzgeschichte „Rauch“ (1957) handelte von Neuankömmlingen in Tel Aviv, die sich nicht am Aufbau des Landes beteiligten, sondern vom Schmuggel lebten und den Tag lieber rauchend am Strand verschliefen.

Ihnen steckte das Trauma der Verwüstung Europas in den Knochen, und Appelfelds Prosa handelte von der Einsamkeit dieser Jungen, die ihre Vergangenheit nicht abstreifen konnten; ein Aufschrei, den seine Landsleute ungerne hörten, denn Israel verstand sich Ende der fünfziger Jahre ganz der Zukunft zugewandt. „Verbrenne Bilder, Metaphern, Worte, die Leid aussprechen“, formulierte der 1934 eingewanderte Dichter David Rokeah die Hoffnung, man könne das Trauma der Verfolgung und Vernichtung, diese „unzugängliche Erinnerung“ (Jan Assmann), einfach hinter sich lassen und in den Kibbuzim, den „Gewächshäusern für die Aufzucht des Vergessens“ (Appelfeld), ein neues Leben beginnen. Trotz der Kritik im Lande schrieb Appelfeld weiter. Dabei erkaltete er sich den „heißen Stoff“, wie er das später nannte, indem er seine Prosa ins Parabelhafte entrückte. Herausgekommen ist ein großartiges Oeuvre von über 20 Romanen, die gerade in ihrer kunstvollen Reduktion das Unzugängliche bewahren und eine enorme Bildkraft entfalten.

Das Personal besteht mehrheitlich aus Überlebenden der Shoa, aus Männern, Frauen oder Kindern, die ihre Angehörigen suchen oder auf Rache sinnen; die nach Palästina entkommen und unter großem Kraftaufwand die Gespenster der Vergangenheit in Schach halten. „Im Krieg schrumpft der Körper und die Seele schwindet. Hunger und Kälte beherrschen dich und du hast nur einen Wunsch: So schnell als möglich zu sterben“, erzählt Appelfeld, der 1932 als Erwin Appelfeld in der Bukowina geboren wurde, in dem ehemals selbstständigen Kronland Österreich-Ungarns, das nach 1918 Rumänien zugeschlagen wurde. Auf dem Land, bei den Großeltern, hörte der Junge Jiddisch, die Eltern sprachen Deutsch, auf den Straßen hörte man Rumänisch und Ruthenisch, wie das Ukrainische damals hieß. Die Schriftsteller Rose Ausländer, Paul Celan und Emanuel Weißglas stammen von hier. Appelfelds Kindheit in Czernowitz und in den Karpaten, fand schlagartig ein Ende, als die Nazis 1941 einmarschierten, seine Mutter ermordeten und seine Welt wie die Welt seiner Vorfahren für immer zerstörten. Er selbst überlebte im Wald, unter Dieben und Prostituierten. Manchmal gab es nur Blätter zu essen. Kälte und Schmerz begleiteten ihn, doch er erfuhr neben Grausamkeit auch Wärme, Verantwortung und Momente von Glück.

Appelfelds Literatur ist geprägt davon, dass er zur Zeit der Schoah noch ein Kind war. Wie alle Kinder hatte auch er keine moralischen, theologischen oder ethischen Vorstellungen und Begriffe ausgebildet, er konnte nur von Angst und Hunger berichten, von Farben, von Gegenständen, von Kellern und von Menschen, die ihn gut oder schlecht behandelt hatten. Sie sogen die Kriegsjahre mit ihrem ganzen Körper auf. Denn Kindern, mehr als Erwachsenen, speichern sich (traumatische) Erlebnisse körperlich ab.

Noch in „Der Mann, der nicht aufhörte zu schlafen“, dem jüngsten und vielleicht schönsten und sanftesten der Romane Appelfelds, sind es Traumgesichte, vertraute Stimmen, der Geruch eines Schulranzens oder eine Wasserschale zum Händewaschen, die Geschichten auslösen. Letztlich, so erfährt man, hat die gewaltsame Abkapselung von der rauen Aufbau-Wirklichkeit – die Rückkehr in den Schlaf und eine schwere Verwundung im Krieg von 1948 – den jungen Mann zum Schriftsteller werden lassen.

International bekannt wurde Aharon Appelfeld mit seinem Roman „Badenheim 1939“, der 1975 in Israel und 1981 in Boston erschien. Hierzulande gelang Appelfeld erst mit Alexander Fests hartnäckigem Verleger-Engagement ab 1999 der Durchbruch. Appelfelds Minimalismus und Lakonie halten die Wirklichkeit in der Schwebe, jenseits von Logik, Sinn und Verstand, weshalb er mitunter mit Kafka und Beckett verglichen wird.

Rechtzeitig zum 80. Geburtstag Appelfelds in der vergangenen Woche erscheint jetzt mit dem Roman „Der Mann, der nicht aufhörte zu schlafen“ die bewegende Geschichte von Appelfelds Einwurzelung in der hebräischen Sprache, der Stiefmuttersprache. Der Roman ist in 70 kurze, episodenhafte Kapitel gegliedert und gespannt, die Bruchstücke der Geschichte an die Oberfläche holen.

Zur Untätigkeit durch die Krankheit legitimiert, übt sich das literarische Alter Ego des Autors wochenlang in der Kunst der Kalligrafie. Durch das Abschreiben sickert das Hebräisch seiner Vorfahren in ihn ein, er verwurzelt sich im heutigen Hebräisch und in der Sprache der heiligen Texte so ausdauernd, dass er in der fremden irgendwann eine eigene Sprache findet. Der Übersetzerin Miriam Pressler verdanken wir, dass wir an Appelfelds kraftvollem Ringen darum, Wirklichkeit und Erinnerung von fremden und rituellen Fixierungen zu lösen, im Deutschen teilhaben können.

Aharon Appelfeld: Der Mann, der nicht aufhörte zu schlafen. Roman. Aus dem Hebräischen von Miriam Pressler. Rowohlt Berlin, Berlin 2012.

288 S., 19,95 €.

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