Kultur : Traumhaft-melodische Arabesken

ROMAN RHODE

Dieses Jahr, zur 22.Ausgabe des Festivals, zeigt die Windrose nach Osten.Im biblischen Morgenland, wo die Kreuzritter von den Truppen Saladins geschlagen wurden, sahen Kaufleute aus Venedig und Genua wenig später die Sonne aufgehen.Die "Levante" des italienischen Sprachgebrauchs bezeichnet deshalb auch das vielfältig gelobte und - bis heute - stark umkämpfte Gebiet am östlichen Rand des Mittelmeers.Hier liegt nicht nur die Wiege der drei großen Religionen, sondern auch eine Schnittstelle traditioneller Kulturen - und Klänge.

Im 9.Jahrhundert bereits war Ziryab, der wohl berühmteste Tonmeister des Kalifats, von Bagdad nach Córdoba ausgewandert und hatte die altarabische Musik in Andalusien eingeführt.Mit dem Rückstrom der maurischen Bevölkerung gelangte sie, der strengen Klassik enthoben, über Nordafrika allmählich wieder in den vorderen Orient.Ob es sich dabei nun um reich ornamentierte Suiten, Nubahs und Waslahs, oder aber um einfache Nomadenlieder handelt - die zwischen Aleppo und Jerusalem gespielte Musik stellt auch heute noch die Person des Sängers in den Vordergrund.Gleichzeitig widmet sie sich der ausgefeilten Improvisation, die sich kunstvoll um festgelegte, an Gefühlsinhalte geknüpfte Melodieformeln rankt.Trotz großer stilistischer Vielfalt liefern bei den meisten Ensembles, die das Festival bestreiten, Rahmentrommeln, Darabukas und Schellen die rhythmische Grundlage.Zither und Violine wiederum, vor allem aber unterschiedliche Lauten, weben die traumhaft-melodischen Arabesken dazu.

Schon einmal hatte Habib Hassan Touma, der Gründer und künstlerische Leiter des Festivals, den Schwerpunkt auf Arabien gelegt.Das war vor genau zwanzig Jahren.Jetzt ist ihm, kurz vor seinem plötzlichen Tod, eine ähnlich facettenreiche Programmauswahl gelungen.Identisch ist sie jedoch nicht.Touma hat sich diesmal auf Syrien, Jordanien, den Libanon und, wenn man so will, Palästina beschränkt.Dazu kommt, daß arabische Musikvorstellungen in der Levante-Region zwar tonangebend, aber auch von anderen Einflüssen durchdrungen sind.Neben klassischer Kunstmusik im orchestralen Gewand, wie sie das syrische Al Turath Ensemble bietet, präsentiert das Festival daher auch Arbeitslieder von Beduinen, die mit ihren Trommeln den wiegenden Schritt der Kamele heraufbeschwören.Oder das Fußstampfen archaischer Hochzeitsfeste.Infolge der Islamisierung ist daraus jedoch in beiden Fällen eine ausgeklügelte Folklore aus Rhythmik, Tanz und Gesang herangereift.

Schließlich wird im Haus der Kulturen auch religiöse Musik zu hören sein.Daß der Islam hier selbst christliche Elemente bruchlos in sich aufnehmen kann, zeigt das Beispiel des libanesischen Violinisten Nidaa Abu Mrad.In dessen mystischem Sufi-Oratorium verkörpert der Sänger Mohamad Said Chami zunächst den klassisch arabischen Gesangsstil; seit 1975 hat er sich auf den Vortrag von Koranhymnen spezialisiert.Doch an seiner Seite steht die junge, helle Stimme Sylvie Haddads, die die Verse christlicher Mystiker aus Europa rezitiert.

Daß Islam und Christentum ausgerechnet in dieser Variante ritueller Musik zusammenfinden, ist kein Zufall.Denn gerade in der Mystik, die auf beiden Seiten oft und gerne gegen die Theokratie rebelliert hat, gibt es Übereinstimmungen.Ähnlich wie die heilige Teresa von Avila, die im 16.Jahrhundert ihre Meditationen als Rückzug in eine "innere Burg" bezeichnete, hatte sich zuvor der große Sufi Ghazali ausgedrückt: "Ein Vogel bin ich, dieser Körper ist mein Käfig, doch ich bin entflogen." Die arabische Musik jedenfalls, mit all ihren schillernden Vokalen und melodischen Spiralen, beschreibt in ihrer Lyrik den Höhenflug einer wandernden Seele.Und das gehört, heilig oder weltlich gedeutet, ebenfalls zum Hochgenuß levantinischer Klangbilder.

Haus der Kulturen der Welt, vom 17.bis 29.Oktober

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben