Traumpaar, Alptraumpaar : Briefwechsel von Hilde Domin und ihrem Mann erschienen

Dichterin der hellen Hoffnung: Zum 100. Geburtstag der Lyrikerin Hilde Domin erscheint der Briefwechsel mit ihrem Mann.

Michael Braun

Sie galten als das Traumpaar der Nachkriegsliteratur, verbunden in emotionaler und literarischer Symbiose: Hilde Domin, die verfolgte Jüdin und Poetin der Hoffnung, und Erwin Walter Palm, der feinsinnige Kunsthistoriker, Archäologe und Übersetzer. Seit ihrem Weggang aus Deutschland im Oktober 1932 trugen beide gemeinsam ein Vierteljahrhundert lang die Bürde des Exils in Italien und Santo Domingo, bevor sie nach einer endlosen „linguistischen Odyssee“ in ihren gemeinsamen Studienort Heidelberg heimkehrten. So sah es bislang die Literaturgeschichte – und so sahen es auch die Fans der Autorin, die sich für dieses liebesgestützte „Prinzip Hoffnung“ begeisterten.

Eine soeben erschienene Biografie der Dichterin, verfasst von ihrer langjährigen Weggefährtin, der Heidelberger Germanistin Marion Tauschwitz, räumt nun gründlich auf mit den alten Legenden. Denn es bleibt nichts mehr übrig von der schönen Saga eines liebenden Einverständnisses zwischen dem vermeintlichen Traumpaar. Das zeigt auch der aufschlussreiche Briefband „Die Liebe im Exil“, der eine knappe Auswahl der über 800 Briefe enthält, die Hilde Domin in den Exiljahren 1932–1959 an ihren Mann richtete, meist sehr verzweifelte Episteln, die auf erschütternde Weise den tragischen Liebeskampf des Dichterpaars dokumentieren. Das Grundmuster dieses Kampfes ist die egomanische Suche des Mannes nach literarischer Geltung – und die freiwillige, über die Grenze der Selbstdemütigung hinausgehende Unterwerfung der Frau. Über zwanzig Jahre lang, von 1937 bis 1959, dem Jahr ihres spektakulären Debüts „Nur eine Rose als Stütze“, verzehrte sich Hilde Domin als aufopferungswillige Sekretärin und „linguistisches Dienstmädchen“ ihres Mannes, ohne gegen seine defätistischen Launen und seelischen Grausamkeiten aufzubegehren.

Am 27. Juli 1909 als Tochter eines jüdischen Rechtsanwalts in Köln geboren, hatte Hilde Domin schon früh die Erfahrung des Ausgestoßen- und Vertriebenwerdens durchleiden müssen. Für die junge Jurastudentin und ihre Familie war die Welt der Kindheit jäh untergegangen, als antisemitische Sturmtrupps Anfang der dreißiger Jahre durch Deutschland zogen. Ausschlaggebend für ihren Gang ins Exil war jedoch nicht die Angst vor dem heraufdämmernden Nationalsozialismus, sondern die Sehnsucht des Liebespaars nach der rauschhaften Begegnung mit den Ursprungsorten der Antike. Von der poetischen Genialität ihres Mannes überzeugt, stellte die Domin im Exil alle ihre künstlerischen Ambitionen zurück, bis sie, tief deprimiert durch den Tod ihrer Mutter und die eigentümliche Gefühlskälte ihres Mannes, zum letzten Rettungsanker griff: zum Schreiben eigener Gedichte. Und diese Gedichte der 1954 nach Deutschland zurückgekehrten Jüdin trafen auf den Versöhnungshunger einer Öffentlichkeit, die mit der negativistischen, vom Grauen des Holocaust verfinsterten Poetik eines Paul Celan nicht zurechtkam. Domins Dichtung erschien dagegen als Vollzug eines eigentümlichen Heilsgeschehens, als Durchbuchstabieren eines optimistischen Weltverhältnisses, das sich von den elementaren Katastrophen das Grundvertrauen in die Poesie nicht nehmen ließ.

Der junge Walter Jens hatte Domins Debütband „Nur eine Rose als Stütze“ als die Kunst der „Vollkommenheit im Einfachen“ begrüßt und damit ihren singulären Rang in der Lyrik-Szene dieser Jahre behauptet. Lyrische Klarheit und stille Renitenz zeichneten auch die Folgebände „Rückkehr der Schiffe“ (1962), und „Ich will dich“ (1970) aus, die Domin endgültig zur Lesebuchautorin erhoben. Ihr nachhaltigstes Werk bleibt jedoch die geniale Anthologie „Doppelinterpretationen“ (1966), in der sie zu einem Gedicht eines zeitgenössischen Autors jeweils den Autor selbst und einen Interpreten zu kontroversen Deutungen herausforderte. Die „helle Hoffnung“ Hilde Domins hat heutige Poesie weitgehend eingebüßt. Erst jetzt ist sichtbar geworden, dass diese Hoffnung aus einer jahrzehntelangen Liebeshölle hervorging.

Die Liebe im Exil. Briefe an Erwin Walter Palm 1931–1959. Hrsg. v. Jan Bürger u. Frank Druffner unter Mitarbeit von Melanie Reinhold. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2009, 19,90 Euro.

– Marion Tauschwitz: Dass ich sein kann, wie ich bin. Hilde Domin. Die Biografie. Palmyra Verlag, Heidelberg, 580 Seiten, 28 Euro

– Hilde Domin: Sämtliche Dichtungen. Hrsg. v. Nikola Herweg u. Melanie Reinhold. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 351 Seiten, 16 Euro

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