Kultur : Traumstadtsplitter

EVA KARCHER

Die Welt als Fries aus schwarzen Buchstaben: Tahiti, Simbabwe, Guayana, Sierra Leone, Malaysia.Wie mehr oder weniger exotische Perlen auf einer Schnur reihen sich 190 Ländernamen an einer Wand in Augenhöhe des Betrachters aneinander, wenn er den schmalen Gang entlangwandert, den ihm ein klobiger, hoher Holzkubus im hinteren Raum des Münchner Kunstvereins übrigläßt."Namibia", "South Pacific", murmelt er beschwörend und starrt dabei gebannt auf Dutzende von buntfarbigen Reiseprospekten zu seiner Linken, die ihn zum Blättern auffordern.Vielleicht verliert sich der Besucher nun in flüchtigen Tagträumen - nach wenigen Schritten jedenfalls steht er plötzlich im Inneren eines weiten Raums, der vor Farben und Formen zu explodieren scheint.Ihn hat der Berliner Künstler Franz Ackermann mit rokokoesker Inszenierungslust als Modell eines öffentlichen Platzes entworfen.Werbeplakate, Foto-Reproduktionen und großflächig gemalte Ornamente besetzen jeden Millimeter der Wände und ziehen den Betrachter in den Sog ihrer Bilder, Linien und Muster.Rechts eine steile Aufsicht auf wabenförmige Großstadtbalkone, schräg darüber Natur pur aus einer Calvin-Klein-Anzeigenkampagne für Jeans.Vogelperspektive auf Hochhausdächer, daneben quer über eine Wand psychedelische Streifen in orangebraun.Hoch oben Wellengebilde in Blau und Türkis und schließlich ein Filmstill aus dem Werbespot eines Autoherstellers.

"Untitled.One Time Only" von Franz Ackermann zeigt Splitter urbaner Identität im Spannungsfeld zwischen Tourismusindustrie, multikulturellem Pop und einer Globalisierung der Zeichen und Symbole.Innerhalb des Ausstellungsprojekts "Dream City" - veranstaltet von den drei Münchner Institutionen Kunstverein, Kunstraum und Villa Stuck sowie dem Siemens Kulturprogramm - kommt Ackermanns Arbeit eine Schlüsselrolle zu.Denn sie erweitert das Thema des Projekts, verschiedene künstlerische Praktiken zur Diskussion zu stellen, die seit den siebziger Jahren unter den Schlagworten "Kunst im öffentlichen Raum", "Soziale Skulptur", "Kunst als Dienstleistung", "Kontextkunst" entstanden sind, um eine neue Dimension.Ackermann nämlich macht physisch erfahrbar, daß die Trennung zwischen Innen- und Außenraum zur Fiktion geworden ist.Der urbane Stadtraum hat seine Rolle als Ort des Informations- und Meinungsaustauschs an die Medien verloren; er dient vielmehr den "Images" der Werbung und der "Corporate Identity" der Unternehmen.Umgekehrt sind Museen und Institutionen genauso als öffentliche Räume zu definieren wie etwa das Internet.

Diese Bedeutungsverschiebung der Begriffe "öffentlich" und "privat" reflektieren die meisten der 27 Künstler unabhängig davon, ob ihre Arbeiten für "Dream City" im Instituts- oder im Stadtraum positioniert sind, und hierin liegt ihre Qualität.Nicht mehr als "Kunst am Bau"-Monument zur Aufwertung eines öffentlichen Platzes vereinnahmbar, wandert zum Beispiel das Objekt "Festung" von Michaela Melian nomadisch vom Ausgangsstandort Feldherrnhalle durch die Innenstadt.Der aufblasbare Riesenkubus aus Nylongewebe, der aussieht wie eine Kinderhüpfburg, jedoch nicht betretbar ist, vielmehr durch aufgemalte Fenster auf Wohncontainer von Asylbewerbern anspielt, ist ebenso minimalistische Skulptur wie Kommentar zur Situation der Migranten, die aus dem urbanen Leben ausgegrenzt bleiben.

Auch der 1926 in Nürnberg geborene, in London lebende Künstler Gustav Metzger leistet mit einem Teppich aus Teer vor dem Haupteingang vom Haus der Kunst Gedächtnisarbeit.Jeder Besucher betritt das Museum derzeit über das "Judenpech", so der Titel der Installation und der weitgehend in Vergessenheit geratene Name für Asphalt.

Einen Kranz aus vier Strommasten stellte das Künstlerduo Michael Clegg & Martin Guttmann im alten Botanischen Garten auf, ready mades technischer Energie auf dem Terrain gestalteter Naturenergie - materielle, nicht "soziale" Plastik als Antwort auf Joseph Beuys.Als einer der radikalen Väter eines erweiterten Kunstbegriffs ist dieser in der Villa Stuck mit Videoarbeiten ebenso vertreten wie Vito Acconci im Kunstraum, Pionier der siebziger Jahre von Straßen-Aktionen und Konzepten für den Stadtraum.

Vielleicht leidet München tatsächlich mehr als Hamburg oder Berlin an einer gewissen Phobie, wegen seiner historischen Kulissenschönheit weniger innovativ zu sein.Hans-Peter Feldmann personifiziert diese kokette Hysterie als rosa-gelb-schrille Gipskopie der antiken "Doryphoros" Statue des Polyklet und stellt sie als Leucht-Trophäe in den Diana-Tempel des Münchner Hofgartens.Und auch der 1996 an Aids gestorbene kubanisch-amerikanische Künstler Felix Gonzalez-Torres trägt auf subversive Weise zum Glamour der Großstadt bei: Auf einer himmelblauen, von Lämpchen umsäumten Go-Go-Bühne im ehemaligen Wohnzimmer der Villa Stuck tanzt jeden Tag ein sehniger Boy im Silberhöschen zur Musik aus dem Walkman - doch jeden Tag zu einer anderen Stunde.Das Objekt der Begierde ist wie immer nicht greifbar.

Kunstraum München, Kunstverein München, Museum Villa Stuck, Stadtraum, bis 20.Juni; Katalog 38 Mark (im Buchhandel 68 Mark).

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