Kultur : Traumverloren

NICOLA KUHN

Die Staatsgalerie Stuttgart feiert Paul Gauguins 150.Geburtstag mit einer Ausstellung der Tahiti-BilderVON NICOLA KUHNVerschreckt, beinahe verängstigt drücken sich die beiden jungen Mädchen hinter die dünnen Stämme eines Baums, kauern auf dem Boden.Von dort beobachten sie eine schwarzhaarige Dritte, die gerade vorübergeht - mit nacktem Oberkörper und Blume im Haar, den Pareu, das traditionelle Wickeltuch Tahitis, um die Taille geschlungen.Der Blick der monumental in den Vordergrund geschobenen Dreiviertelfigur bleibt jedoch nach innen gerichtet.Die sie umgebende Rätselhaftigkeit steigert die merkwürdige Haltung, mit der sie einen Welpen an die linke Hüfte preßt.Und als wollte der Maler ihr Geheimnis nicht lüften, sondern die mystische Atmosphäre noch steigern, hat er sein Gemälde "Wohin gehst Du?" betitelt.Es gehört zu jenen Bildern, die Paul Gauguin von seinem ersten längeren Südsee-Aufenthalt 1893 nach Paris mitbrachte und die seinen Ruhm als "wilder Maler" begründeten.Von dort gelangten sie in die großen internationalen Museen; das Gemälde der drei Schönen aber befindet sich heute als eines der bedeutendsten Werke der Sammlung in der Staatsgalerie Stuttgart.Die fast ängstliche Frage "Wohin gehst Du?" an die wie eine Todesbotin wirkende junge Frau mit Hund steht noch immer spannungsvoll im Raum.Eine Antwort wird es auch jetzt nicht geben, wenn die Staatsgalerie mit einer Ausstellung die Hintergründe zu Gauguins erster großer Tahiti-Reise zu klären versucht, die von ihm selbst beförderte Legendenbildung offenlegt, die künstlerische Bedeutung jener Jahre analysiert.Zugleich eröffnet Stuttgart den Reigen der großen Gauguin-Ausstellungen anläßlich seines 150.Geburtstages, die ihren Höhepunkt mit Retrospektiven in Essen und Berlin (ab 1.November) haben wird.Der fast vier Jahrzehnte währenden Präsentationspause des Malers in Deutschland ist ein Ende bereitet.Warum es so lange dauern, erst ein runder Geburtstag den Vorwand liefern mußte, bleibt mindestens ebenso rätselhaft, denn Gauguin, insbesondere seine Südsee-Bilder erfreuen sich ungebrochener Popularität.Die ins Stuttgarter Haus stehenden Unternehmensberater von McKinsey dürften jedenfalls ihre Freude am Besucherzuspruch haben.Das Konzept der Museumsstrategen ist also aufgegangen: Mit Publikumslieblingen aus aller Welt locken sie, mit kritischer Durchleuchtung halten sie kunsthistorisch korrekt Distanz.Denn hinter Gauguins geheimnisvoll entrückten Bildern bleibt die eigentlich vorgefundene Wirklichkeit verborgen.Mochte der Künstler in den ersten Briefen an seine Frau Mette auch noch vom "Schweigen der Nacht" schwärmen ("Ich fühle, wie mich das überwältigt, und auch mich überkommt eine wunderbare Ruhe.Es scheint, als ob die wirre Hast des Lebens in Europa gar nicht mehr da ist"), die erwartete Exotik hatte längst Berührung mit den vermeintlichen Wohltaten der Zivilisation, mit den aus Europa entsandten Missionaren gehabt.Wenige Monate nach seiner Ankunft im Sommer 1891 in Papeete, der Hauptstadt Tahitis, läßt sich Gauguin deshalb in einem vierzig Kilometer abgelegenen Dorf nieder.Aber auch hier ist nicht alles Idylle: Der Künstler erkrankt schwer; Geldmangel zwingt ihn zwei Jahre später, vorübergehend nach Paris zurückzukehren.Sein zweiter Südsee-Trip sollte acht Jahre dauern, an dessen Ende er 1904 in völliger Armut, gerade einmal 54jährig stirbt.Die Kenntnis dieser biographischen Hintergründe mag das Staunen vor Gauguins Bildern noch steigern; das Wissen um seinen künstlerischen Ansatz, seine Entwicklung zu den Visionen dieses Gartens Eden hinterläßt den eigentlichen Eindruck.Schon zuvor hatte Gauguin in der Abgeschiedenheit der Bretagne, fern von Paris, seine Sehnsucht nach Ursprünglichkeit zu stillen versucht.Der Besuch der Pariser Weltausstellung 1889, auf der Bewohner französischer Kolonien in Hüttendörfern lebten und ihr Handwerk vorführten, gab dieser Sehnsucht ein konkretes Ziel."Ich glaube, daß meine Kunst ...erst ein junger Setzling ist, und daß ich sie dort unten zu Primitivität und Wildheit kultivieren kann", schrieb er vor seiner Abreise.In seinen Bretagne-Bildern hatte Gauguin das künstlerische Vokabular dafür entwickelt.Den Himmel, das Wasser, die Wiesen malte er noch mit impressionistisch flirrenden Farben, während Personen oder abgrenzbare Motive - etwa ein Gatter, eine Häuserwand, Baumstämme - in klare Farben gefaßt sind.Auch hier bewegen sich die Menschen traumverloren in der Landschaft; doch noch hat sie nicht die Reglosigkeit, die sinnliche Apathie seiner Tahitianerinnen überkommen.Die ersten Südsee-Bilder scheinen noch ganz der bretonischen Palette verhaftet: Grün, Blau, Ocker, Violett dominieren; erst nach und nach kommen Rosa, Rot, Orange hinzu.Wie von Ferne nähert sich Gauguin dieser Landschaft, beobachtet erst abseits stehend ein Dorf, die Aktivitäten der Bewohner am Weiher.Ihren berühmten Zauber bekommen sie, als Gauguin sich mit den religiösen Kulten der Tahitianer beschäftigt.Die Magie fremder Mächte spricht aus dem Bildnis "Tehamana hat viele Ahnen" (1893), das seine Geliebte in einem europäischen Gewand vor einem Fries mit Gottheiten und symbolträchtigen Zeichen zeigt.Schließlich treten die Protagonistinnen selbst wie mystische, zumindest entrückte Wesen auf.Als zweite Eva erscheint jene völlig entblößte Tahitianerin in "Worte des Teufels": die Füße in verführerischen rosa und violetten Schlieren, aus dem Dunkel angstvoll beobachtet von einer europäisch gekleideten anderen Figur.Immer dichter rückt der Maler an diese rätselhaften Frauen heran, steigert sie durch enger werdende Bildausschnitte zu monumentaler Größe.Von ihrer suggestiven Kraft haben sie bis heute nichts eingebüßt.Sie bestimmen noch immer unsere Vorstellung von der Südsee als einem unerreichbar fernen Ort der Sehnsucht. Staatsgalerie Stuttgart, bis 1.Juni; Katalog (Verlag Gerd Hatje) 39 Mark.

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