Kultur : Traurig, trashig, komisch

Ein Grenzgänger: Heute gastiert der Regisseur Armin Petras beim Theatertreffen

Katrin Ullmann

„Berlin, ein Weltuntergang!“. Pastor Spitta ist entsetzt. Mit einer zentnerschweren Bibel unterm Arm ist er in die Hauptstadt angereist, um Sohn Erich aus dem Moloch zu retten. Dieser, da scheint kein Zweifel, treibt es bunt und hat sich – Schluss mit der Theologie – den schönen Künsten zugetan. Erich will Schauspieler werden. Und nimmt beim Theaterdirektor Hassenreuter Unterricht. Auch hat er sich in dessen bebrillte Tochter Walburga verliebt und trifft sie heimlich zum Kuschelspaß.

Heimlich passiert so einiges in diesem Berliner Mietshaus in Gerhart Hauptmanns „Ratten“. Da quatscht Natali Seelig als Frau John der verzweifelten Pauline ihr Neugeborenes ab. Verkauft es ihrem Ehemann als eignes Kind – nur kurz lebt das Familienglück. Da probieren junge Schauspielschüler auf dem Dachboden ihr darstellerisches Talent.

Armin Petras hat die Tragikomödie unlängst am Hamburger Thalia Theater inszeniert. Am noch immer, nach der deutsch-österreichisch-schweizerischen Kritikerumfrage 2003, amtierenden „Theater des Jahres“. Es war in jener tristen und bedrängten Hauptmann- und Hauptstadt-Welt recht banal und hehr und traurig und komisch. Theater über das Theater und Theater über das Leben.

Nach Berlin, zum Theatertreffen, sind Petras und das Thalia Theater nun wieder eingeladen. Mit der Uraufführung von „We are camera/jasonmaterial“. Dies ist der letzte Teil einer Heimat-Trilogie. An deren Anfang stehen „Fight City Vineta“ und „zeit zu lieben zeit zu sterben.“ Um Lebensgefühle zwischen Ost und West geht es, um Jugend und Liebe, um Goldhamster, Partys und Tischtennisplatten. Armin Petras hat auch die beiden ersten Teile am Thalia Theater inszeniert. Geschrieben hat sie Fritz Kater. „Er ist ein Freund von mir“, sagt Petras gerne. Er ist sein schreibendes Alter Ego.

Armin Petras alias Fritz Kater ist ein Grenzgänger. Im Westen, 1966 im hessischen Bad Kleinen geboren und im Osten aufgewachsen. Dort hat er studiert, Regie an der Ost-Berliner Hochschule Ernst Busch. 1988 siedelte Petras in die Bundesrepublik über. Und arbeitete: an den Münchner Kammerspielen, am TAT in Frankfurt, am Schauspiel Chemnitz, am Berliner Ensemble, in Magdeburg, Mannheim, Rostock und Hannover. In Kassel war er drei Jahre lang Schauspieldirektor, seit 2001 ist Petras fester Regisseur am Schauspiel Frankfurt. Ständig ist er unterwegs. Petras inszeniert, wie andere Leute Zigaretten drehen.

Jüngst bewegte sich Petras europäisch. Er schrieb ein Konzept fürs Thalia Theater, für „Learning Europe“ – eine internationale Kooperation der Europe Theater Convention. Sechs Bühnen waren vertreten, von Bratislava über Ljubljana bis Vilnius, um mit kleinstem Aufwand durch die erweiterte Union zu touren. Hausaufgaben gab Petras ihnen lang vorab: „Was ich an meinem Land liebe/hasse“, „Wir bauen ein Baumhaus“ und „Wir kochen für einen Einwanderer“ – so lauteten seine Szenenanweisungen. Unter Petras Obhut trafen sich alle Anfang April zu gemeinsamen Proben am Thalia. Die Uraufführung hat funktioniert – jetzt ist die Europa-Truppe vielleicht gerade in Slowenien.

Doch meistens inszeniert Petras selbst und hat dabei oft Talent für unpathetisch berührende Stimmungen bewiesen. Wie er das macht? Er baut Collagen, in denen er Spaß mit Ernsthaftigkeit mischt. Er treibt seine Inszenierungen nah an den Kitsch, ist sentimental, ironisch, kindlich oder wütend wild. Vor allem aber benutzt er Theater als Raum für Behauptungen.

So beschwört er in „We are camera / jasonmaterial“ mit trashigem Papiergestöber ein bitterkaltes Styropor-Finnland oder bebildert mittels zweier abstoßend hässlicher Babypuppen Hauptmanns tränenreiche Mütterdramen. In knappen Szenen schafft Petras die ganze Palette großer Emotionen. Und die Schauspieler jonglieren geschickt zwischen rasanter Improvisation und schwermütiger Tristesse. Petras macht Theater aus purer Lust am Theater, so scheint es. Aber es ist immer auch vom Leben abgeguckt, indem er Biografien von Menschen, ob Durchschnittstypen oder Außenseiter, durch körperstarkes Spiel (oder auch mal den Kamerablick) heranholt, heraufholt.

„We are camera / jasonmaterial“ ist von heute bis Mittwoch insgesamt fünfmal im Hebbel am Ufer/HAU 2 zu sehen.

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