Kultur : Traurige Maskerade

Pariser Polizeischutz für Fassbinders berüchtigtes Theaterstück

Sabine Heimgärtner

Die Theaterleute vom Pariser Theatre de la Bastille wollen es noch nicht wahrhaben. „Wir sind geschockt“, sagt Pressesprecherin Irène Gordon zwischen Krisensitzungen, völlig aufgelöst. Vor zwei Wochen wurde das seit fast 30 Jahren umstrittene Stück „Die Müll, die Stadt und der Tod" von Rainer Werner Fassbinder in Frankreich erstaufgeführt, in einer Inszenierung von Pierre Maillet vom Theaterkollektiv „Les Lucioles" aus Rennes. Natürlich gab es vorher die bei diesem Stück üblichen Unkenrufe, dass es antisemitisch sei und Protest hervorrufe. Viele rieten von der Aufführung ab, so auch Rudolph Rach, der Chef des Arche-Verlags mit den französischen Fassbinder-Rechten, der eine Veröffentlichung der Übersetzung ablehnt. Viele warnten und warteten, was passiert.

Und zwei Wochen lang geschah nichts. „Wir waren fast täglich ausverkauft, es gab viele Presseberichte, keine Proteste", versichert Irène Gordon. Bis zum vergangenen Wochenende, als eine Bombendrohung einging. Die Vorstellung wurde unterbrochen, das Gebäude evakuiert. Gefunden wurde nichts, doch die Angst blieb, vor allem bei den Theaterleuten. Noch am Sonntag bewiesen sie Courage, die Nachmittags-Vorstellung fand statt. Aber so, als sei nichts gewesen, wird es mit Fassbinders berüchtigstem Stück nicht weitergehen. Ab heute finden die Vorstellungen unter Polizeischutz statt.

Die Bombendrohung hat neben einer Antisemitismus-Diskussion auch einen Streit zwischen dem Theater und der Zeitung „Le Monde" entfacht. Diese hatte am Donnerstag eine geharnischte Rezension veröffentlicht, in der die Absetzung, ja das Verbot des Stückes gefordert wurde. „Es handelt sich um eine traurige Maskerade, ohne jeden Kontext,“ schrieb „Le Monde“. Man vermisse jegliche politische Erklärung der Hintergründe des vor 30 Jahren geschriebenen Textes. Platt antisemitisch! lautete das Urteil.

Die jüdische Gemeinde in Paris übrigens habe sich mit keinerlei Kritik gemeldet, erklärt Pressesprecherin Gordon. Theaterleiter Jean-Marie Hordé macht „Le Monde“ nun indirekt für den angedrohten Anschlag verantwortlich. Der Vorwurf des Antisemitismus treffe denjenigen, „der Angst hat, das Wort Jude auszusprechen“, sagt der Theaterleiter. Weitere Stimmen melden sich, wie Daniel Cohn-Bendit, der die Aufführung verteidigt, und Philosophen und Schriftsteller wie Gilles Deleuze und Leslie Kaplan, der Frankreich mit seinen zahlreichen Korruptionsskandalen das Müll/Stadt/Tod-Stück geradezu empfiehlt: Man solle es auf allen Bühnen und jeden Abend aufführen. Dabei verweist er diskret auf Frankreichs eigene Nazi-Geschichte und auf das hohe Le Pen-Wahlergebnis bei den letzten Präsidentschaftswahlen. Fassbinder „lebt" also wieder und alles ist wie immer, mit zweiwöchiger Verspätung.

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