Treffen mit Nachwuchs-Rapper Teesy : Keine Angst vor Kitsch

Toni Mudrack alias Teesy ist der feinfühligste Newcomer des deutschen Hip-Hop. Jetzt erscheint sein Debütalbum "Glücksrezepte". Ein Treffen.

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Stilsicher: Teesy, 23, mag Sinatra und tourt mit Cro.
Stilsicher: Teesy, 23, mag Sinatra und tourt mit Cro.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Auf Wikipedia ist er noch ein Unbekannter, Stand: Donnerstagnachmittag. Nicht mal zwei, drei Zeilen mit notdürftigen biografischen Fakten. Dafür der Hinweis, dass man einen neuen Artikel anlegen könne. Man muss kein Hellseher sein um zu prophezeien, dass sich das in den nächsten Wochen ändern wird.

Toni Mudrack ist ein Newcomer. Einer, dessen Namen man noch nicht kennt, den sich zu merken aber lohnt. Auf der Bühne nennt Mudrack sich Teesy. Klingt ein bisschen amerikanisch, so wie die musikalischen Idole, an denen er sich als Teenager orientiert hat. 50 Cent, The Game, die coolen Rapjungs mit den dicken Hosen und den trainierten Oberkörpern. Vorbilder, die einem offenbar nacheifernswert erscheinen, wenn man seine Kindheit und Jugend in Berlin-Kaulsdorf verbringt, dem idyllischen, kleinbürgerlichen Teil von Marzahn-Hellersdorf.

Von dicken Hosen und einem trainierten Oberkörper ist Teesy auch heute noch weit entfernt. Trotzdem fällt er auf, allein schon optisch. Wenn er auf der Bühne steht, trägt er oft Smoking, Hemd und Fliege. Seine Wangen leuchten rot, den Blick richtet er die meiste Zeit zu Boden. Von Coolness kaum eine Spur. Seine Liebe zu Rap hat er sich dennoch bewahrt – und musikalisch erweitert: Auf den meisten Liedern seines Debütalbums „Glücksrezepte“ singt Teesy über Fernweh, Ratlosigkeit, existenzielle Ängste junger Menschen und natürlich über die Liebe. Das ganze Spektrum, drunter geht’s nicht.

"Bushido, Ficken, Fotze - Das ist nicht meins"

Die Platte beginnt mit einem düsteren, peitschenden Beat. In „Der Anfang“ rappt Teesy mit angespannter Stimme über seinen Weg ins Rampenlicht: „Von ganz unten nach oben geschwommen, als hätt’ grad in diesem Moment etwas Großes begonnen / Schuhe zieh’n mich runter, alles in mir wehrt sich/ doch von hier unten seh’ ich im Licht, dass es das wert ist.“ Im Büro seiner Plattenfirma in Kreuzberg muss Toni Mudrack lachen, wenn er an seine ersten musikalischen Versuche zurückdenkt. Er ging damals in die achte Klasse, ein Freund spielte ihm ein selbst aufgenommenes Hip-Hop-Stück vor. Das faszinierte ihn so sehr, dass er sich gleich am nächsten Tag an seinen Computer setzte. „Mit dem Windows Movie Maker, der damals noch eine Aufnahmefunktion hatte, habe ich angefangen Beatbox zu machen und zu rappen“.

Zunächst textet er auf Englisch. Er sei damals „noch nicht so deutsch-affin“ gewesen, sagt Mudrack. „Oberflächlich habe ich gehört, was meine Klassenkameraden hörten. Bushido, Ficken, Fotze und so. Da dachte ich: Ach nee, das ist nicht meins, so bin ich nicht drauf.“ Man glaubt es ihm. Im Gespräch wirkt der 23-Jährige oft verlegen, schaut aus dem Fenster. Dass sich so einer lieber beim Gospelchor Mahlsdorf anmeldet, statt den promisken Fantasien halbstarker Wortakrobaten nachzueifern, scheint plausibel.

Mitten drin in der "Generation Maybe"

Dass es auf Deutsch auch anders geht, merkt Toni Mudrack, als er tiefer gräbt und Sachen findet, die ihn inspirieren. Er stößt auf J-Luv und Max Herre. „Dass deutsche Musik so was hervorbringen kann, ist ein Statement.“ Dazu will er bald auch etwas beitragen. Er tut es sehr zielstrebig und konsequent. Bereits auf dem Schulhof hat er erste, selbst aufgenommene CDs verkauft. „War ein ziemlicher Erfolg. Daran habe ich gemerkt, dass es mit der Musik was werden kann.“

Trotzdem will Mudrack sich nicht auf ein vages Gefühl verlassen – so wie er es im Video zu seiner aktuellen Single „Generation Maybe“ zeichnet. In dem Schwarz-Weiß-Clip sieht man eine Pokerrunde. Teesy riskiert seinen gesamten Einsatz, verliert – und wird vor die Tür gesetzt. Er wirkt verloren, taumelt orientierungslos durch die Straße. Im Refrain heißt es: „Einer macht es vor, alle müssen nach / Der Staat lacht sich eins, das war alles nicht geplant / Keiner denkt mehr nach, weil der Scheiß schon stimmt / Hast du iPhone 4, brauchst du iPhone 5.“

Sich selbst verortet Toni Mudrack mittendrin in der von ihm beschriebenen „Generation Maybe“. Tatsächlich aber ist Mudrack einer, der nicht viel gibt auf Tagträume und Statussymbole. Als plötzlich sein Handy klingelt, ist ihm das peinlich. Er zieht es aus der Hosentasche – kein modernes Smartphone, sondern ein Modell, das wie eine Leihgabe aus dem Technikmuseum aussieht. Auch sonst scheint er recht bodenständig zu sein. Nach dem Abitur leistete er Zivildienst und half anschließend im Malerbetrieb seines Vaters. Dann begann er, Deutsch und Sport auf Lehramt zu studieren. „Anfangs für meine Eltern, mittlerweile will ich das aber selbst durchziehen. Man weiß ja nie, wie es mit der Musik läuft.“

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