Kultur : Trennen heißt sich wiedersehen

Jörg Königsdorf

Hinter den dürren Zeilen der Presseerklärung verbirgt sich eine kleine Palastrevolution: Anfang letzter Woche verkündete der RIAS-Kammerchor seinen Entschluss, sich zum Ende dieser Saison von seinem Chefdirigenten Daniel Reuss und seinem Chordirektor Frank Druschel zu trennen. Die Sänger, so wird dieser abrupte Rauswurf hinter den Kulissen erklärt, fühlten sich zunehmend von den Entscheidungen der Führungsetage überfahren, die Vorstellungen über die künstlerische Zukunft des Ensembles klafften zusehends auseinander, während die Bereitschaft, miteinander zu reden, kontinuierlich abnahm. Vielleicht haben die Sänger aber auch nur kalte Füße bekommen: In den letzten drei Jahren hat Reuss den Klang des Kammerchors weg von der scharfkantigen, instrumentalen Präzision seines Vorgängers Marcus Creed hin zu einem fülligeren, romantischeren Ton verändert. Und in dieser Umbruchphase war die Qualität der Konzerte und Aufnahmen zwangsläufig einigen Schwankungen ausgesetzt. Ein Beispiel mehr, dass der internationale Konkurrenzdruck, der auf Elite-Ensembles wie dem RIAS-Kammerchor lastet, künstlerische Kurswechsel nicht gerade einfacher macht.

Mit Hans-Christoph Rademann, der schon beim letzten Mal zum engsten Kandidatenkreis gehört hatte, ist bereits ein Nachfolger gefunden. Schade ist die Trennung dennoch, weil in den letzten Monaten hörbar wurde, dass Reuss’ Arbeit zu wirken begann. Vielleicht sitzt Rademann, der zu Saisonbeginn 2007 antritt, heute Abend im Konzerthaus , wenn seine künftigen Schutzbefohlenen das Zeitfenster-Festival mit Heinrich Schütz’ „Musikalischen Exequien“ und Brahms’ „Deutschem Requiem“ beschließen. Dessen fünften Satz aus dem Johannes-Evangelium sollten sich Reuss und sein Chor zu Herzen nehmen: „Ihr habt nun Traurigkeit, aber ich will euch wieder sehen und euer Herz soll sich freuen.“

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