Kultur : Trennungsschmerz

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SCHREIBWAREN

Jörg Plath über eine

ausgeplünderte Provinz der Fantasie

Oft werden sie übersehen und ihre Namen nicht genannt (auch in dieser Kolumne nicht). Dabei würde der Buchmarkt ohne sie zusammenbrechen. Nun schicken die Übersetzer am 19.11. ihren Unterhaltungsstar vor: Hinrich Schmidt-Henkel , der Célines „Reise ans Ende der Nacht“ ins Deutsche übertragen hat. Henkel liest aus seinen letzten Arbeiten, und desgleichen tut Hannes Riffel, manchen vielleicht als Inhaber der Kreuzberger UFO-Buchhandlung bekannt ( Literaturwerkstatt , 20 Uhr).

Die Zukunft? „Diesbezüglich habe ich jedem Pathos abgeschworen“, versichert Jury Andruchowytsch mit kokettem Augenaufschlag. „Sie ist so weit weg, dass man sie vielleicht nie erleben wird. Halten wir ein, hier und heute. Das ist unser Land, eine ausgeplünderte Provinz, das Ende des Jahrhunderts, das Ende der Welt und überhaupt von allem. Das ist unser Territorium – ein anderes haben wir nicht. Territoriale Ansprüche sind einstweilen nicht vorgesehen. Und niemand wird uns daran hindern, es völlig zu ruinieren.“ Mehr von diesem osteuropäischen Galgenhumor gibt es am 18.11. im Roten Salon zu hören, wo sich gleich drei der bekanntesten Schriftsteller ihrer Länder auf dem Podium räkeln: neben dem Ukrainer Andruchowytsch der Pole Andrzej Stasiuk und der Tscheche Jachym Topol.

Am selben Abend lädt Britta Gansebohm in ihren Salon im Podewil zu Luis Arzola , einem Kubaner, den man als „Hineingeborenen“ bezeichnen könnte. 1966 wurde er, anders als die hierzulande bekannten Schriftsteller Guillermo Cabrera Infante, Jesus Diaz oder Miguel Barnet, hineingeboren in die Fidel-Gesellschaft. Arzola ist der Auffassung, dass er auch nach der Inhaftierung von 75 Dissidenten schreiben könne, was er wolle. Schließlich verfasse er keine politischen Pamphlete. Arzola war bis vor kurzem DAAD-Stipendiat in Berlin, lebt jetzt in Köln und liest aus seinem neuen, noch nicht übersetzten Roman (20 Uhr).

Auch das Aufenthaltsstipendium des Berliner Senats ist eine schöne Sache: Es verlangt von Schriftstellern kein Jahrmarktsleben. Statt die Bahnwärterhäuschen der Republik zu zieren und die Partner, Kinder und Freunde für Monate sich selbst zu überlassen, dürfen sie in der eigenen Wohnung ohne Geldsorgen weiterarbeiten. Darüber freuen sich jetzt Jeannette Lander , Elfriede Czurda und Elke Naters , die sich am 20.11. im Literaturforum (20 Uhr) vorstellen.

Persönliche Trennungen mögen ihr Gutes haben – wenn Länder getrennt werden, sind Tote die Folge. Die USA haben 1995 an der Grenze zu Mexiko eine drei Meter hohe Mauer aus Blech mit Bewegungsmeldern, Kameras und Mikrofonen errichtet, um Menschen und Drogen fernzuhalten. Dahinter sitzen Grenzschützer und warten auf die, die es doch schaffen. Philipp Lichterbeck hat den Blechzaun fotografiert und stellt die Bilder im Institutio Cervantes aus. Am 20.11. um 19 Uhr 30 spricht er dort mit der amerikanischen, aber aus Mexiko stammenden Autorin Sandra Cisneros und ihren Kollegen Jorge Volpi und José Agustin über „gewaltvolle Realitäten und literarische Grenzgänge“.

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