"Tres" : Alles, was wir geben wollen

Familienzusammenführung auf die feine Art: „Tres“ – eine Komödie aus Uruguay.

Michaela Grimm
Foto: realfictionfilme
Foto: realfictionfilme

Zwischen Rockpostern und Aschenbechern schläft Ana mit dem Handwerker, der eben noch die Wohnung renoviert hat, in der sie mit ihrer Mutter Graciela lebt. Anas Vater Rodolfo zappt in seiner zum Botanischen Garten mutierenden Zahnarztpraxis, die er zugleich bewohnt, einen Porno weg. Graciela kuschelt nach dem ersten Sex mit ihrem neuen Freund auf dessen Couch.

Ana, Rodolfo, Graciela: Drei Leute, drei Wohnungen, drei prägende Lebensphasen und die Möglichkeit einer Familie – mal kreuzen sich in Pablo Stolls „Tres“ die Leben der Protagonisten, mal laufen sie nebeneinander her. Mal folgt die Kamera Ana, die gleichermaßen lustlos Handball wie am Geschlecht ihres Freundes spielt, mal zeigt sie Graciela, wie sie routiniert ihren Aerobic-Kurs wegsteppt, mal erkennt Rodolfo, dass er auch mit Freizeitfußball sein eckiges Leben nicht rund bekommt. Alle drei lassen das Blabla ihrer Patienten (Rodolfo ist Zahnarzt), Kollegen (Graciela ist Stenografin) und Lehrer (Ana muss das Schuljahr wiederholen) links reinziehen und rechts wieder raus, das Drumherum ist schnurz. Und dieses Montevideo könnte genauso gut in Frankreich sein.

Jeder lebt hier auf seine Weise in einer Art Pubertät: Veränderungen sind jederzeit möglich, der eigene Reifeprozess muss aber erst einmal erkannt werden, auch wenn Ist und Soll schmerzhaft auseinanderklaffen. Die Filmidee entwickelte Stoll bereits mit seinem Studienfreund Juan Pablo Rebella, der sich 2006 das Leben nahm – gemeinsam hatten die uruguayischen Regisseure für ihre Filme „25 Watts“ (2001) und „Whisky“ (2004) weltweit Preise gewonnen. Nach „Hiroshima“ (2009) ist „Tres“ Stoll Wards zweiter eigener Spielfilm. Wieder entwickelt er eine Dreiecksgeschichte, teilt sie jedoch in drei juvenile Elemente auf.

Anaclara Ferreyra Palfy meistert ihr Spielfilmdebüt als kettenrauchende Teenagerin – oft in der Horizontalen, in Schlafanzug oder Schuluniform, im Bett der Mutter vorm Fernseher oder wo es sich sonst noch lümmeln, schlurfen und schlumpfen lässt. Doch die Eltern nerven nicht, schimpfen nicht, sind ihr nie peinlich, und an der Tür zu Anas Halb-Kinder-halb-Jugendzimmer hängt kein Betreten-verboten-Schild. Überhaupt herrscht hier ein gelassenes Nebeneinander.

„Tres“ macht das fast überdeutlich, mit zwei Geburtstagen am selben Tag: Als Rodolfo seiner Tochter telefonisch gratuliert, wird er auf seinem eigenen Balkon ausgesperrt – während der Geburtstagsfeier für seine Freundin, von der außer Kippenstummeln 119 Minuten lang nichts zu sehen sein wird. Ihm dämmert: Das ist die falsche Party. Und er sucht sein Seelenheil gewissermaßen in einer Wurzelbehandlung, setzt seine wuchernden Grünpflanzen neben ein Fußballfeld in die Erde und macht sich auf zu denen, die seine Familie waren und immer noch sein könnten.

Wie Ana, Rodolfo (Humberto de Vargas) und Graciela (Sara Bessio) sich einander behutsam nähern, zeigt sich in Gesten und Details. Wenn Rodolfo väterlich lächelt, als ihm klar wird, dass ihn die Tochter eben bestohlen hat. Wenn die Kamera auf den von Rodolfo reparierten Glühbirnen und Wasserhähnen, glatt gestrichenen Handtüchern verharrt. Und alles gipfelt motivisch in der Komplettrenovierung der Frauenwohnung, für die Rodolfo bald einen Schlüssel hat. Natürlich kann er so die verlorenen Jahre nicht aufholen, doch darum geht es ebenso wenig wie um die Rückeroberung seiner Exfrau oder die Gründe ihrer Trennung. Es geht darum, sich nachsichtig mit den anderen zu arrangieren und dabei genügend Freiraum zu bewahren.

Es gibt in diesem Film keine langen Dialoge, keine Extreme, kaum Sex. Absurdes zeigt „Tres“ beiläufig, der feine Humor entfaltet sich spät. Wie schön, dass es so leise Komödien gibt.

Eiszeit, Hackesche Höfe (beide OmU)

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