Kultur : Treu, wie Freunde sind

WETTBEWERB „Find Me Guilty“ von Sidney Lumet

Christian Schröder

Gerichtsfilme sind ein ziemlich altmodisches Genre: Statt Action bieten sie in der Regel bloß Rhetorik. „Dieser Film beruht auf einer wahren Geschichte“, teilt eine Einblendung im Vorspann von „Find Me Guilty“ mit. „Die meisten Dialoge folgen den Gerichtsprotokollen.“ Regisseur Sidney Lumet ist vor fünfzig Jahren mit dem Gerichtsfilm „Die zwölf Geschworenen“ berühmt geworden, der auf einem erfolgreichen Broadway-Stück beruhte. Bei seinem 43. Film hat der inzwischen 80-jährige Altmeister die Fiktion weitgehend hinter sich gelassen, das Drehbuch schrieb sozusagen die Wirklichkeit selbst. Die Wirklichkeit ist aber nur im Ausnahmefall ein guter Drehbuchautor. „Find Me Guilty“ wirkt mit seinen endlosen Kreuzverhören, Beratungen und Verhandlungen wie ein überlanges, uninspiriert abgefilmtes Theaterstück.

Der Fall, um den es geht, hat Justizgeschichte geschrieben. 1987/88 wurde 21 Monate lang vor einem New Yorker Gericht gegen 20 Angehörige des Lucchese Clans verhandelt, einer berüchtigten Mafia-Bande. Am Ende des längsten Prozesses in der amerikanischen Kriminalgeschichte stand ein spektakulärer Freispruch. Lumets Held ist einer der Angeklagten: Jackie Dee DiNorscio, ein Drogen-Dealer, der selber schwer gekokst hatte und schon vor Prozessbeginn zu 30 Jahren Haft verurteilt worden war. Die Staatsanwaltschaft will ihn zum Kronzeugen machen, aber DiNorscio folgt dem Schweigegebot der Mafia und lehnt ab: „Meine Freunde verrate ich nicht.“

Gespielt wird der aufrechte Verbrecher von – das ist die größte Überraschung des Films – Vin Diesel. DiNorscio übernimmt als einziger Angeklagter selber seine Verteidigung und macht den Prozess zur One-Man-Show. „Ich bin ein Gagster, kein Gangster“, versichert er und bringt mit rührseligen Erinnerungen und schlechten Witzen die Zeugen aus der Fassung und den Richter in Rage. Diesel, in Filmen wie „Der Babynator“ oder „xXx – Triple X“ bislang nicht als Charakterdarsteller hervorgetreten, macht seine Sache nicht schlecht. Er spielt den Mafia-Mann als Mischung aus Rebell und Tölpel. Seine Unbeholfenheit wird zu seiner stärksten Waffe. Trotzdem sind die 125 Minuten von „Find Me Guilty“ vor allem eins: sehr lang.

Heute 15 und 21 Uhr (Urania), 19. 2, 22.30 Uhr (International)

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