Kultur : Treue ertasten

Alfred Brendels letzter Berliner Klavierabend

Frederik Hanssen

Was sich Alfred Brendel zum Abschluss seiner sechs Jahrzehnte währenden Weltkarriere wünschen würde? „Dass niemand mehr in einem Konzert hustet!“ Eine Interpretenhoffnung, die natürlich auch beim letzten, rappelvollen Solo-Abend des Pianisten in der Berliner Philharmonie Utopie bleibt. Auch unter eingefleischten Klassikfans sind mittlerweile viele einfach nicht mehr in der Lage, sich über eine längere Strecke auf den puren Vorgang des mitdenkenden Hörens zu fokussieren, ohne von dem Gefühl eines inneren Überdrucks heimgesucht zu werden, der sich dann in wüsten Kehl- und Rachenlauten äußert.

Der 77-jährige Brendel dagegen ist immer noch ein Meister der Konzentration. Seine Interpretationen wirken so zwingend, weil er den Willen des Komponisten zu erforschen versucht, ohne sich deshalb das Recht auf seine eigene Meinung zum Notentext nehmen zu lassen. Früh hat der Pianist einen kleinen Kreis von Komponisten auserwählt, mit denen er sein ganzes Künstlerleben verbringen, die er immer wieder neu befragen wollte. Eine unzeitgemäße, fast schon rührende Treue, die mit der Zeit auf eine platonische Ebene transzendiert ist: Sinnlichkeit und Leidenschaft mögen vergehen, was bleibt, ist die Liebe zu inneren Werten, im diesem Fall zu Form, Struktur, Klangarchitektur.

Wer so genau durchdrungen hat, was warum in einer Partitur passiert, braucht bei Haydns f-Moll-Variationen keine Theatertricks, keine großen Gesten, um dramatische Plastizität entstehen zu lassen. Grandios, wie er in Mozarts F-Dur-Sonate die Autonomie der Stimmen vorführt: glasklar, erhellend, als Aufklärer im besten philosophischen Sinne. Großartig auch, wie Brendel in Beethovens op. 27 Nr. 1 überraschende harmonische Wendungen jedes Mal zum Ereignis macht. Die mysteriösen Basstriller am Beginn von Schuberts B-Dur-Sonate mag er allerdings nicht mehr als Konfliktstoff begreifen, da zeigt er sich altersmilde, scheint im Verlauf des Werkes die Welt um sich herum sogar komplett auszublenden, so versunken in den intimen Dialog mit einem alten Freund, dass es der Zuhörer geradezu als Privileg empfindet, hier als Lauscher dabei sein zu dürfen. Am Ende: Standing Ovations, natürlich, für ein grandioses Lebenswerk – und die Vorfreude darauf, dass Alfred Brendel Ende Oktober ein allerletztes Mal in Berlin zu erleben sein wird, als Gast von Simon Rattle und seinen Philharmonikern. Frederik Hanssen

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