Kultur : Treue Liebe

Konzerthaus: Michael Volle und Thomas Quasthoff.

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„Aber Herr Quasthoff singt nicht!“ Die Warnung an der Abendkasse macht keinen Eindruck auf die glücklichen Käufer der zwei letzten Tickets, denn sie wissen Bescheid. Im rappelvollen Kleinen Saal des Konzerthauses liest Thomas Quasthoff die „Liebesgeschichte der schönen Magelone und des Grafen Peter von Provence“, wie Ludwig Tieck sie in seinen Volksmärchen veröffentlicht hat. „Ob ihr die alten Töne gerne hört?“ Zu hören ist ein Erzähler, der als viel bewunderter Sänger durch die „Winterreise“ und „Dichterliebe“ gegangen ist, aus dessen Stimme die Fülle der Erfahrung tönt: Empfindsamkeit, romantische Sehnsucht und liebliche Ironie. „In der Fremde lernt man das Niegesehene mit dem Wohlbekannten verbinden“: Die Abenteuerfahrt des Ritters ist in Quasthoffs Rezitation ein Erlebnis aus Farben und Atmosphäre, das unvermutet die Größe des Dichters Tieck, als eines Vorläufers von Heinrich Heine, neu beleuchtet.

Auch die Dämonie des „grausamen Meeres“ ist darin, das in dem Lied „So tönet denn, schäumende Wellen“ mächtig schwillt. Und reine Liebe der Romantik: „Ruhe, Süßliebchen, im Schatten der grünen dämmernden Nacht.“ Und Depression: „Wo ist Hoffnung, als das Grab?“ Da Thomas Quasthoff seine Gesangskarriere aufgegeben hat, überträgt er die fünfzehn Romanzen der „Magelone“ dem bühnenerfahrenen Sängerkollegen Michael Volle. Dessen Wagner-Bariton will den Raum fast sprengen, weil die Vertonungen von Johannes Brahms kühn und dramatisch sind. Wenn die „stürmischen Wetter“ aufkommen, fasziniert jedoch die Virtuosität des Interpreten wie des mitgestaltenden Klavierpartners Helmut Deutsch. Der Pianist behütet auch die feine Intensität der Nachspiele, etwa nach der Klage „Heimlich bricht das Herz mir ab“, in der sich die glühende Emphase des Sängers zum Lyrischen wendet, mit vorbildlicher Textdeutlichkeit wie sein Dr. Schön in der „Lulu“ der Staatsoper. Der Brahms-Zyklus wäre verloren ohne Kenntnis des Romans von Ludwig Tieck. Der „König der Romantik“ aber beschert zwei Stunden angespanntester Konzentration, die so ausgehen: „Alle ihre Sorgen waren nun wie Schnee vor der Frühlingssonne hinweggeschmolzen.“ Fazit: „Treue Liebe dauert lange.“ So auch der Beifall eines hingerissenen Publikums. Sybill Mahlke

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