Kultur : Treue ohne Reue

Andreas Conrad, Hauptmann an der Komischen Oper

Frederik Hanssen

Zwanzig Jahre treu? Nicht gerade jedermanns Sache. Auch Andreas Conrad hat gezweifelt, geschimpft, mit sich gerungen – aber er ist dann doch an der Komischen Oper geblieben, auch wenn lukrative Angebote lockten.

Sänger wie Andreas Conrad sind selten geworden. Kaum einer, der die Musikhochschule verlässt, will sich heute noch fest an ein Opernhaus binden. Denn wer zur Truppe eines Theaters gehört, wird auf die Bühne geschickt, wenn es dem künstlerischen Betriebsbüro passt. Jeder Auftritt woanders muss beantragt werden – und oft gibt es keinen „Urlaubsschein“ und damit auch keinen Gastauftritt, bei dem man vielleicht karrierefördernd einem Agenten oder der Presse auffallen könnte. „Frei“ zu arbeiten bedeutet, sich seine Rollen und die Anzahl der Vorstellungen, die man seiner Stimme zutraut, selber aussuchen zu können.

Als Andreas Conrad 1984 das Angebot bekam, Ensemblemitglied der Komischen Oper zu werden, griff er sofort zu. Zu DDR-Zeiten war es eine Ehre, Mitglied des weltbekannten Hauses sein zu dürfen. Vor allem für einen Künstler, der sich als singender Schauspieler im Sinn des Gründers der Komischen Oper, Walter Felsenstein, begreift. Andreas Conrad tut das. Dabei hat seine Karriere ganz untheatralisch begonnen, als Knabe im Dresdner Kreuzchor. Eine harte Lehrzeit war das, ein ständiger Kampf gegen die natürlichen Bedürfnisse der Kinder, die plötzlich Profis sein sollten.

Die Lust am Singen ist Andreas Conrad in diesen Jahren nicht vergangen. Dass er als Student dann in die Klasse von Marianne Fischer-Kupfer kam, erwies sich als Glücksfall: Die bundesweit geschätzte Pädagogin verhalf dem Tenor zu einer krisensicheren Gesangstechnik, ihr Mann Harry Kupfer besorgte den szenischen Teil. Zunächst an der Semperoper, wo Conrad sein erstes Engagement bekam. 1981 wechselte Kupfer dann als Chefregisseur an die Komische Oper und holte Conrad 1983 als Gast nach Berlin, ein Jahr später ins Ensemble.

„Spieltenor“ stand damals als Berufsbezeichnung in seinem Vertrag. Und der Neue aus Sachsen wurde nicht geschont: Elf verschiedene Partien hatte er schon in der Saison 1984/85 zu bewältigen, nachdem ein Kollege in den Westen abgehauen war. „Stress“, das Wort kommt in den Schilderungen Conrads trotzdem nicht vor. Er hatte Riesenlust – und das Glück, niemals Rollen aufgezwungen zu bekommen, die seiner Stimme hätten schaden können. So entwickelte sich sein Tenor ganz natürlich, reifte und wurde langsam „schwerer“: Jetzt, mit 47 Jahren, fühlt sich Andreas Conrad fit für den Wechsel ins Charakterfach: Mit dem Quint in Brittens „Turn of the screw“ hat er in Harry Kupfers Abschiedsinszenierung bereits als rätselhaft-zwielichtiger Hausgeist überzeugt. Mit der Partie des Hauptmann, den er ab Sonntag in der neuen Produktion von Alban Bergs „Wozzeck“ verkörpern wird, ist der Sänger endgültig bei den Bösewichtern angekommen: Brutal und kaltherzig ist dieser Offizier, ein Menschenschinder aus eigener Unzufriedenheit.

Bei den Proben mit dem britischen Gastregisseur Richard Jones hat Andreas Conrad mal wieder gemerkt, was seine 20 Jahre Erfahrung als Singschauspieler wert sind: „Als Jones merkte, dass ich zu den Opernsängern gehöre, die von sich aus eine Interpretation anbieten, ließ er mir sofort viel Freiheit“, berichtet der Tenor. „Wir waren uns einig, dass es keine großen Gesten braucht, um die Schleimigkeit des Hauptmanns klar zu machen. Oft genügt ein Augenbrauen-Zucken.“ Wenn Andreas Conrad vor den Vorhang tritt, darf er den Applaus durchaus als Treueprämie verstehen.

Premiere „Wozzeck“ heute um 19 Uhr in der Komischen Oper.

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