Kultur : Treuer Besen

Dea Lohers „Quixote“ am Hamburger Thalia Theater

Katrin Ullmann

„Bücher sind die wahren Freunde“, sagt er und steckt die Nase ins Regal. Er ist ein echter Bücherwurm und liest den lieben langen Tag. Es ist Don Quixote, jener Idealist, der später mit den Windmühlen, der wirklichen Wirklichkeit, kämpfen und schließlich an ihr scheitern wird. Vor 400 Jahren ist diese Romanfigur des spanischen Dichters Miguel de Cervantes entstanden und wurde seither auf allen Kanälen erfolgreich verwertet als Kinofilm, Fernsehserie, Ballett, Oper, Puppenspiel, Comic oder Broadwaynummer.

Am Hamburger Thalia Theater hat sich Autorin Dea Loher dem berühmten Reiter angenähert. Gemeinsam mit Regisseur Andreas Kriegenburg und dem Musiker Laurent Simonetti hat sie ein Musiktheater entwickelt: „Quixote in der Stadt“ nennt sich das Stück, durch das sich Hans Löw als schmal-sensibler Quixote und Natali Seelig als umso dickbäuchiger ausstaffierter Sancho Pansa singen und streiten. Unterstützt werden sie von einem kleinen, feinen Live-Orchester, vom braven Pferd Rosinante (Verena Reichhardt), einigen Ensemblekollegen und von einem Kinderchor, den Hamburger Alsterspatzen.

Die Kinder sind es auch, die aus dem eigenbrötlerischen Mann der Bücher einen beinah echten Ritter basteln. Eine Rüstung kleben sie ihm an und reichen Schild und Speer. Sein Kostüm jedoch – wie auch die Bühne (Ausstattung: Johanna Pfau) – ist ganz und gar Papier und Pappmaché. Durch eine Imagination oder einen Traum taumelt unser Held gemeinsam mit dem treuen Freund. Und wenn ein großer Dünner und ein kleiner Dicker gemeinsam unterwegs sind, liegt plumper Slapstick oft erschreckend nah.

Spielen und singen können sie sehr gut, Hans Löw und Natali Seelig. Und das allzu bunte Potpourri, das Simonetti für den Abend komponiert hat, verweist eingängig auf Vertrautes. Von Drehorgelrhythmen, über raue Tom-Waits-Musik und schrille Nina-Hagen-Songs bis hin zu Romanzen à la Blumfeld oder Zweiraumwohnung. Die Texte, oftmals fürchterlich pathetisch und moralisch, liefern wechselweise Kriegenburg und Loher. Dabei bemühen sie sich, dem Papierritter eine handfeste Gegenwart anzutexten.

Gegen Ende eines zähen Abends sind Quixotes „Träume endlich aufgebraucht“ und die „Abenteuer alle“. Der Ritter wird zum Zauberer, samt Zylinder und einer Menge schlechter Tricks. Doch bevor er erschöpft verzagen darf, weckt ihn sein Alter Ego (Jörg Koslowsky) mit einem wilden Rap. Von Arbeitslosen, Einsamen und Verzweifelten singt er, von Menschen, die einen echten Retter brauchen, keinen Träumer und notorischen Bücherwurm. Quixote greift zum Besen. Wild fegen er und seine Kollegen das Papier zusammen. Und alle haben sich ganz doll lieb, ob Mensch oder Pferd. So einfach kann das sein. Das mit dem echten Leben und dem traurigen Theater.

0 Kommentare

Neuester Kommentar