Kultur : Treuhand in Dahlem

Ein

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von Bernhard Schulz

Er war zu erwarten: der Andrang zur Audienz bei Nofretete. Alle Gazetten jubeln beglückt angesichts der Besucherschlange, die sich nunmehr auch vor dem Alten Museum windet. Die Museumsinsel kann derzeit gleich drei solcher Publikumsballungen vermelden, denn Schlangen bilden sich auch vor „Goya“ in der Alten Nationalgalerie und vor dem PergamonMuseum. Bei der Neueröffnung des Ägyptischen Museums zeigte sich Kulturstaatsministerin Christina Weiss denn auch euphorisch – und versprach, in Kürze zum Humboldt-Forum „neue Antworten“ zu präsentieren.

Das Wort „Schloss“ vermied sie tunlichst, zählt sie doch ohnehin nicht zu den Befürwortern einer Schloss-Rekonstruktion, das dem Humboldt-Forum genannten Kulturzentrum dienen soll, mit den ethnografischen Sammlungen der Staatlichen Museen als Mittelpunkt. Schloss oder nicht: Wichtig ist der Fortgang der Konzeption, ohne die sich ein teurer Neubau in Berlins Mitte, ob zeitgenössisch oder historisch, nicht durchsetzen ließe, wie sehr er stadträumlich auch vonnöten ist. Aber selbst die flotteste Planung bedarf mindestens eines weiteren Jahrzehnts zur Realisierung. Bis dahin verbleibt die Ethnologie in Dahlem, jenem einst selbstverständlichen Touristenziel, in dem die spärlichen Besucher heutzutage per Handschlag begrüßt werden können.

Stimmt gar nicht, werden die dortigen Museumsleute jetzt einwerfen – umso besser. Denn was Dahlem an Schätzen birgt, kommt nach und nach ans Licht, auch ohne grundlegende Runderneuerung des ältlich gewordenen, gleichwohl erst 35 Jahre alten Komplexes. In Kürze steht die Afrika-Abteilung an. Sie hatte ihren Probelauf in Brasilien (!), wo eine hinreißende Auswahl aus den schier unübersehbaren Berliner Beständen mehr als eine Million Besucher anzog.

So viele werden es in Dahlem nicht werden – könnten es aber in Berlins Mitte sein. Denn das Universalmuseum, als das sich die Museumsinsel mit ihren fünf Häusern der mittelmeerisch-abendländischen Kunstgeschichte versteht, bedarf der Ergänzung, bis es wirklich „die“ Weltkultur darbietet, wie es die Staatlichen Museen in ihrer Gesamtheit ohnehin tun, nur eben bisher nicht in räumlicher Nähe. Gerade die Schätze des Ethnologischen Museums mahnen uns, dass wir das kulturelle Erbe nur treuhänderisch besitzen. Und nur dann mit vollem Recht, wenn wir es an prominentem Ort jener ganzen Welt präsentieren, von der wir es Stück für Stück zusammengesammelt haben.

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