Kultur : Trick mit dem Tapetenwechsel

Museen hüten Klassiker. Wie präsentieren sie ihre Schätze immer wieder neu? Ein Blick auf Berlin, München und anderswo

Nicola Kuhn

Eigentlich gibt es keinen Grund zur Beschwerde. Statistisch gesehen, besitzen die Museen des Landes das größte Zuwachspotenzial. Gerade erst wurden die Berliner Publikumszahlen des vergangenen Jahres bekannt gegeben: noch einmal Rekord. 2005 zählten die Hauptstadtmuseen über 11,43 Millionen Besucher. Das sind 140 000 Eintrittskarten mehr als im Jahr zuvor, das mit seinem MoMA-Erfolg zunächst als uneinholbar galt. Doch müssen es nicht viel mehr Besucher sein, damit sich die teuren Häuser rechnen?

Vor dieser Frage stehen die Museumsdirektoren jedes Mal aufs Neue, wenn sie ihre Jahrespläne schmieden. Womit ziehen wir das große Publikum? Wie präsentiert man ihm neu, was es längst kennt? Zugpferd Nummer eins sind die Sonderausstellungen mit den unkaputtbaren Malerstars: Holbein, Goya, Rembrandt waren es in diesem Sommer. Derzeit spült in London Velazquez die Massen in die Häuser. Völlig anders bekommt der Besucher seine Klassiker hier zwar nicht zu sehen, aber in der Opulenz, der großartigen Zusammenschau der sonst kontinenteweit voneinander gehängten Werke besteht der Reiz.

Manchem ist auch das zu wenig: Nicht immer reicht der wissenschaftliche Mehrwert bei enormen logistischen Anstrengungen und restauratorischen Risiken tatsächlich weit. Da mag dieses Jahr das Rembrandt-Fieber zu seinem 400. Geburtstag ausgebrochen sein – die Berliner Ausstellung 1991 im Alten Museum hatte allemal mehr Erkenntnis über Werkstatt und Schüler erbracht als die jüngste Präsentation am Kulturforum.

Vor allem als Hymne an die Augenfreude und, natürlich, als marktwirtschaftliche Strategie sind deshalb die Tauschmanöver zwischen Museen zu verstehen. Mit der Ausstellung „MoMA in Berlin“ ist der Neuen Nationalgalerie 2004 ein Coup gelungen, der Kunstbegeisterung und Markterfolg gleichermaßen stimuliert. Nächstes Jahr soll er sich am selben Ort wiederholen. Für vier Monate, ab Juni, kommen „die schönsten Franzosen“ aus New York. Das Metropolitan Museum schickt seine 150 Werke umfassende, legendäre Abteilung des 19. Jahrhunderts nach Berlin, während das Stammgebäude am Central Park gründlich saniert wird. Hier verbindet sich wie schon beim MoMA das Schöne mit dem Praktischen, denn auch dessen Bilder kehrten in ein erneuertes Haus zurück.

Einmalig in der Ausstellungsgeschichte ist allerdings das pure Bäumchen-wechsel-dich-Spiel, das zwei deutsche Museen unternahmen, um Besucher zu mobilisieren. Das Münchner Lenbach-Haus und das Kölner Museum Ludwig tauschten einen Sommer lang ihre Bilder: „Blauer Reiter“ gegen Picasso lautete das Programm. Unterm Strich blieben nur Mogelpackung und Event ; die Kuratoren hatten sich keinen Gefallen damit getan.

Nun aber wartet das Münchner Lenbach-Haus mit einer neuen Überraschung auf – ein Schritt, der zu den erstaunlichsten Neuerungen des ablaufenden Ausstellungsjahres gehört. Direktor Helmut Friedel hat vier zeitgenössische Künstler eingeladen, um seine Klassikerbestände aufzupeppen. Allein die Ankündigung dürfte manchen Besucher in Angst und Schrecken versetzt haben – Friedel wagte schon einmal vor 14 Jahren eine Ungehörigkeit, um den „Blauen Reiter“ in neuem Licht zu präsentieren. Damals ließ er die Galeriewände farbig tünchen und verpasste damit den Bildern von Jawlensky, Münter, Kandinsky und Macke ein frisches Kleid. Die Aufregung sollte sich bald legen. Farbige Raumgestaltungen gehören längst zum guten Ton. Kaum ein Museum alter Kunst, das nicht auf Lindgrün für Niederländer, Rot für die Italiener, ein zartes Blau für die romantische Malerei setzen würde, damit die Gemälde ihre Strahlkraft voll entfalten. Irritierend war damals die farbige Ummantelung auch für Klassiker der Moderne, denn bis dato zeigte sich die Avantgarde ausschließlich im „White Cube“. Friedel erinnerte jedoch an die erste Ausstellung von Kandinsky und Franz Marc 1911 in abgedunkelten Räumen oder an die farbigen Meisterhäuser des Bauhauses in Dessau.

Auf Geschichte kann sich der Museumsdirektor diesmal nicht mehr beziehen. Die Aktion von Franz Ackermann, Thomas Demand, Katharina Grosse und Olafur Eliasson ist eine echte Novität. Wer wagt, gewinnt: Die Bilder von Franz Marc, August Macke, Alexej Jawlensky und Kandinsky beginnen neu zu leben, ja sie sprühen vor Energie. Den größten Schub hat Franz Marc erfahren, den der Berliner Maler Franz Ackermann in ein kristallines Raummuster verwebt. Er greift zurück auf die gebrochenen Formen in Marcs Tierbildern, die er in sechs verschiedenen Blautönen zu einem Echoraum aufbläst. Plötzlich beginnt der Saal zu atmen, in den Bildern glaubt man einen Herzschlag zu spüren. Hier ist glücklich genau das nicht eingetreten, wovor sich die Skeptiker am meisten gefürchtet hatten: dass sich ein Zeitgenosse den Klassiker einverleibt. Stattdessen beschert Ackermann dem großen Kollegen einen Rahmen, der tatsächlich Sehgewohnheiten ändern kann.

Mit ähnlichem Furor ist auch Katharina Grosse vorgegangen, indem sie den Jawlensky-Raum in einen gigantischen Farbnebel einhüllt. Der Besucher, die Bilder: Alles schwebt. Wie im Rausch ist sie mit ihren Spraydosen über Parkett, Wand, ja selbst ein Bild hinweggegangen, das zum Glück kein Original war. Der Farbstrudel hat jedoch keinerlei Verwirrung zur Folge. Im Gegenteil: Der Betrachter denkt neu über die Quellen der Farbbehandlung beim „Blauen Reiter“ nach – und darüber, wohin sie bei heutigen Malern geht.

Die Strategie des Lenbach-Hauses reklamiert Einmaligkeit für sich, und sie ist tatsächlich kaum wiederholbar. Dennoch schafft sie eins: die Klassiker neu zu sehen. Und das ist viel.

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