Kultur : Triebe und Federn

„Der Ursprung der Schönheit“: Josef Reichholfs provokante Erklärungen der Natur

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Warum sind Männchen meist schöner als Männer? Ein balzender Fasan. Foto: p-a/Wildlife
Warum sind Männchen meist schöner als Männer? Ein balzender Fasan. Foto: p-a/WildlifeFoto: picture alliance / WILDLIFE

Wozu schön?, fragte sich Charles Darwin während seiner Forschungsreise mit der „Beagle“. Überwältigt von den bizarren Gestaltungen der Lebewesen, ihrem Reichtum an Formen und Farben, konnte er kaum begreifen, warum „so viel Schönheit für so wenig Zweck“ erschaffen wurde. Bis er eine Idee hatte. Seitdem denken Biologen beim Thema Schönheit immer an eins: sexuelle Selektion.

Dabei macht Schönheit auffällig und angreifbar, sie scheint ein Risikofaktor. Wie ist das zu vereinbaren mit dem evolutionären Modell der Anpassung an die Umwelt? Der Pfauenhahn mit seiner prächtigen Schleppe ist eine Herausforderung für die Theorie. Weshalb dieser verselbstständigte Luxus, das Gegenteil eines Tarngefieders? Darwin vertrat die Auffassung, dem Weibchen werde auf diese Weise signalisiert, dass das Männchen dermaßen fit sei, dass es sogar ein solches Handicap auf sich nehmen könne. Der Biologe Josef H. Reichholf weist in seinem Buch „Der Ursprung der Schönheit“ nun nach, dass der Pfauenschwanz durchaus kein Nachteil ist. Er verwirrt Angreifer, die den Schwerpunkt des Tieres falsch einschätzen, wenn sie den Vogel anspringen - der wirft dann in einer sekundenschnellen Schreckmauser sein ganzes Hinterteil ab und kann entkommen. Die unscheinbaren Pfauenweibchen werden öfter Opfer von Attacken als die Männchen. Sowohl die These des Handicaps wie die der „runaway selection“, also der schieflaufenden Evolution, die vermeintlich zu Überzüchtungen führe, kann Reichholf an diversen Beispielen widerlegen. Der Theorie der Anpassung mit ihren vermeintlichen „Notwendigkeiten“ stellt er ein geradezu freiheitliches Modell der biologischen „Spielräume“ gegenüber.

In der Tierwelt sind es fast immer die Männchen, die für Prachtentfaltung zuständig sind. Die Weibchen bleiben unauffällig, bei den Vögeln schon deshalb, um das Nest nicht zu verraten. Beim Menschen aber wurden die Frauen zum „schönen Geschlecht“ – oder zumindest zu jenem, das mehr Schönheitsanstrengung betreibt. Deutlicher werden sekundäre sexuelle Merkmale ausgestellt – es gilt so lange wie möglich den jugendfrischen Eindruck zu behaupten. Wieso diese merkwürdige Umkehrung der biologischen Normalität?

Ein Befund aus der Tierwelt sagt: Wenn die Jungen kaum Versorgung nach der Geburt oder dem Schlüpfen brauchen, schaffen das die Weibchen gut allein. Dann investieren die Männchen ihre Energie in Rivalenkämpfe und Prachtgefieder. Wo der Nachwuchs dagegen viel Pflege braucht, bilden sich Paargemeinschaften aus, und die Männchen werden den Weibchen ähnlicher. Kein Nachwuchs aber ist komplizierter als das Menschenkind. Unter harten natürlichen Gegebenheiten sind stabile Paarbeziehungen dafür eine Voraussetzung. In diesem Zusammenhang habe die Sexualität einen neuen Zweck bekommen: Sie dient nicht nur zur Fortpflanzung, sondern als permanentes „Belohnungssystem“ zur Festigung der Paarbindung. Der weibliche Schönheitsaufwand, so Reichholf, soll nicht nur den Partner anziehen, sondern auch dauerhaft halten.

Reichholf begibt sich auf heikles Terrain, wenn er über die Schönheit des Menschen schreibt. Auf humanem Gebiet tobt ein endloser Streit um die Deutungshoheit. Auf der einen Seite die Biologen und ihre Argumente des evolutionären Vorteils, auf der anderen die Gendertheoretiker, die alle Geschlechtsmerkmale für soziale Konstruktion halten und einen permanenten Stereotypen-Verdacht hegen. Reichholf schlägt da Schneisen des Verständnisses in die biologisch-sozialkulturelle Gesamtgemengelage. Zu den Prinzipien des Ästhetischen, die er in der Natur am Werk sieht, gehören Symmetrien, Musterbildung und Proportionalität, deren Bedeutung sich auch darin zeigt, dass wir Menschenaffen eher nicht als schön empfinden: Überlange Arme und Oberkörper – das irritiert den ästhetischen Sinn eher.

Wer sich dieses erkenntnisträchtige Buch vornimmt, sollte sich für Birkhahnbalz, Rammlerüberschuss und Hirschgeweihe interessieren. Wer wissen will, wie die Natur die Vogelfeder hervorgebracht hat, was die Färbung der Federn mit der Zusammensetzung der Nahrung zu tun hat und warum sich Vögel einmal im Jahr mausern müssen, wird hier faszinierend belehrt. Reichholf ist zum breitenwirksamen Vermittler biologischen Wissens geworden, ohne dass er vereinfacht. Er geht von bekannten Thesen und scheinbar bewährten Modellen aus, zeigt ihre Schwachstellen auf und entwickelt aus der Basis genauer Beobachtung Gegenpositionen. Reichholf ist ein Zusammenhangsdenker, der eigene, auch eigensinnige Thesen entwickelt. So wird der Leser in einen Denkprozess verwickelt.

Einen Querschnitt von Josef H. Reichholfs Themen bietet der Band „Naturgeschichte(n)“. Man lernt, was Artenreichtum mit Mangel und kargen Böden zu tun hat. Warum haben Zebras Streifen? Um sich vor der Tsetsefliege zu schützen, die auch in der menschlichen Kulturgeschichte eine Rolle spielte: Weil sie in der feuchten Zwischeneiszeit zur Plage wurde, verließen die frühen Menschen Afrika und besiedelten nördlichere Erdteile. Man erfährt, warum ein kaltblütiges Krokodil längst nicht so hungrig ist wie ein kleiner Spatz, der bei über vierzig Grad seinen hochenergetischen Stoffwechsel betreibt, nah an der Todesgrenze.

Vegetarier werden nicht gern lesen, dass die Evolution des menschlichen Gehirns von eiweißreicher Fleischnahrung befördert wurde. Evolutionsskeptiker, die glauben, das Auge sei zu kompliziert, um „durch Zufall“ entstanden zu sein, können sich über die Naturgeschichte des Sehens seit den Strudelwürmern unterrichten - es begann mit ein paar lichtempfindlichen Pigmentflecken am Vorderende. Und warum herrscht in den Städten heute mehr Artenvielfalt als auf dem Land? Schuld sind die Monokulturen der Agrarwirtschaft. Reichholf will sich nicht damit abfinden, dass das platte Land mit Gülle überschüttet wird, während menschliche Abwässer geklärt werden. Ärgerlich findet er das Gerede vom „Genmais“ – ist der Mais doch keine Naturpflanze, sondern ein gezüchtetes, also genetisch verändertes Kunstprodukt, wie eigentlich alles, was hierzulande auf den Tisch kommt, vom Hausschwein bis zum Blumenkohl.

In seinen Büchern entwickelt Reichholf eine Biologie des Wandels. Manche verwechseln Ökologie mit einer beständigen Natur, in der alle Lebewesen ihren festen Platz einnehmen. Es ist eine Haltung des „Nichts-darf-sich-ändern“. Damit die Natur schön ihr vermeintliches Gleichgewicht pflegen kann, gehört die Sicherung von „Biotop-Ecken“ inzwischen zum Standardrepertoire der Landschaftsplanung. Biotop heißt: Betreten verboten. Natur wird zum Tabu. Ein Glück, dass es Reichholf gibt - einen Autor, der seine Leser klüger macht. Und gelegentlich Tabus bricht.

Josef H. Reichholf: Der Ursprung der Schönheit. Darwins größtes Dilemma. C. H. Beck, München 2011, 302 S., 19,95 €.

- Josef H. Reichholf: Naturgeschichte(n). Über fitte Blesshühner, Biber mit Migrationshintergrund und warum wir uns die Umwelt im Gleichgewicht wünschen. Knaus, München 2011, 320 S., 19,99 €.

– Am heutigen Dienstagabend, 20 Uhr, liest Josef H. Reicholf im LCB am Wanssee aus seinen Büchern und spricht mit Winfried Menninghaus über Schönheit.

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