Kultur : Triller zittern

Isabel Herzfeld

Ein märchenhafter Abend, mit goldenen Ornamenten auf blauen Kacheln, zierlichen Alabastersäulen, schweren Samtportieren und berauschenden Klängen. "Das Lied der triumphierenden Liebe", die geheimnisvoll-frivole Novelle von Iwan Turgenjew, verwandelt den Kleinen Saal im Konzerthaus in einen Palast aus Tausendundeiner Nacht. Mit dem Charme leiser Ironie serviert Jutta Lampe die Geschichte von der tugendsamen Valeria, die dem Wunsch der Mutter folgend unter zwei Freunden den liebenswürdigeren wählt. In der Stimme des früheren Schaubühnen-Stars, der gleichsam ein doppelter Boden eingezogen ist, flattern die süßen Schrecksekunden beim glühenden Blick des verschmähten Indien-Heimkehrers Muzio. Und sie verbreitet ruhige Genugtuung, wenn nach der Beseitigung des Nebenbuhlers die Tugend - scheinbar - triumphiert.

Gustave Flaubert ist die Novelle gewidmet, in welche der russische Dichter auch eigene Wunschträume packte - seine große tragische Liebe war die Sängerin Pauline Viardot, deren 20 Jahre älterer Gatte sich bedauerlicherweise bester Gesundheit erfreute. Ernest Chausson, ebenfalls fleißiger Besucher der Pariser Salons, ließ sich von ihr zu einem "Poème" für Violine und Klavier inspirieren, das rasch zum Salonschlager wurde. Seine chromatisch klingende Melodik erfüllt Pierre Amoyal mit durchbohrendem Schmelz, weich grundiert Frédéric Chiu am Klavier. Das steigert sich zu verwegener Doppelgriff-Leidenschaft, zu zitternden, die Harmonien zerstäubenden Trillerketten.

Mehr noch als Chausson begibt sich Gabriel Fauré auf die Suche nach der verlorenen Zeit. Seiner frühen, in ihren Konturen schon unbestimmt zerfließenden Sonate op. 13 gibt der französische Geiger organischen Schwung und elegische Nuancen, mit sensibler Transparenz vom Pianisten beantwortet. Delikat und schmerzlich-süß - nur die unendlichen Melodien sind manchmal sehr lang.

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