Kultur : Trinker und Selbstmörder

Martenstein ist genervt von seinem langweiligen Leben

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Mal sehen, wer die Bären bekommt. Der Serienvergewaltiger? Der Selbstmörder? Der Mörder? Die zwei Junkies? Der Sexsüchtige? Das Folteropfer? Der Trinker? Die Selbstmörderin? Die vom Teufel Besessene? Die drei bärtigen Justizopfer?

Vor der Berlinale ist mir die Brille kaputtgegangen. Ich dachte, so ein Mist, ausgerechnet jetzt. Mit der Ersatzbrille sehe ich nicht gut. Der Optiker sagte, kein Problem, drei Tage. Das ist zwei Wochen her. Bei der Brille sind Komplikationen aufgetreten, meint der Optiker, sie liegt auf der Intensivstation. Fragen Sie mich also bitte nicht, wie in diesem oder jenem Film das „visuelle Konzept“ oder die „Kamerafahrten“ gewesen sind. Ich bin froh, wenn die beiden Hauptdarsteller ein verschiedenes Geschlecht oder wenigstens verschiedene Haarfarben besitzen, auf diese Weise kann ich sie ganz gut auseinander halten. Gestern hat sich mein Sohn zum dritten Mal die Hand gebrochen. Er spielt Basketball. Da bricht man sich halt öfter mal die Hände, mein Gott. Dann liegt meine Tante im Krankenhaus. Es hieß: Wer kümmert sich um die Katze? Wir haben die Katze genommen. Es ist ein dicker schwarzer Kater. Ich habe keine Ahnung, ob er kastriert ist. Der Kater sitzt jetzt unter meinem Schreitisch und ruft, sobald ich das Arbeitszimmer betrete, ununterbrochen „Miau, Miau, Miau“. Wenn ich rausgehe, ist er still. Ich kann einfach nicht arbeiten, wenn neben mir ununterbrochen „Miau“ gerufen wird. Thomas Mann hätte so auch nicht arbeiten können. Thomas Mann hätte seinen Bruder den Kater nehmen lassen. Außerdem habe ich ein Regal mit Nippes. Der Kater ist auf das Regal gesprungen und hat mit seinem Schwanz meine aufziehbaren Blechtiere und meine Sammlung mit Lebensmittelpäckchen aus den fünfziger Jahren vom Regal gefegt. Meine Frau sagt, das sei ein gutes Zeichen, der Kater beginnt, sich heimisch zu fühlen. Was wird sein, wenn er sich ganz und gar zu Hause fühlt? Und wenn er nicht kastriert ist, was dann?

Jeden Morgen verlasse ich mein alltägliches, langweiliges Leben, und schaue mir den Serienvergewaltiger, den Selbstmörder, den Mörder, die zwei Junkies, den Sexsüchtigen, das Folteropfer, den Trinker, die Selbstmörderin, die von Teufel Besessene und die drei bärtigen Justizopfer an. Ich sehe sie aber leider nur verschwommen.

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