Kultur : Trissenaars Lust

Peter Laudenbach

Zum Abschluß des Theatertreffens traf man sich am Sonntagmorgen noch einmal im Spiegelzelt - um zwei Theaterkünstler des Festivals zu feiern und mit Preisen zu ehren: Eine erstaunliche junge Schauspielerin und einen eigensinnigen Regisseur, Bettina Stucky und Stefan Pucher. Den gemeinsam von der Familie Kerr und der Pressestiftung Tagesspiegel gestifteten Alfred-Kerr-Darstellerpreis verlieh Elisabeth Trissenaar, die diesjährige Preis-Jurorin, an Bettina Stucky für zwei Rollen, in denen sie beim Theatertreffen überraschte: die Natalja in Stefan Puchers Züricher "Drei Schwestern"-Inszenierung und eine drall-komische Müllerin in Christoph Marthalers Züricher Schubert-Erkundung "Die schöne Müllerin".

In dieser Schubertiade konnte man sehen und staunen, wie Bettina Stuckys Müllerin Komik mit Sehnsucht, Aberwitz mit Melancholie kreuzte. "Sehnsucht war das Motto hinter all ihren Aktionen, aber Lyrismen haben Sie sich nicht gestattet. Hätten die Marx-Brothers Schwestern, Sie wären an diesem Abend eine gewesen", feierte Trissenaar die Schauspielerkollegin in ihrer Laudatio. Aus dem in einer Endlosschleife kreisenden Lied vom Wandern und des Müllers Lust, machte Stucky bei Marthaler eine anrührend groteske Szene, der Elisabeth Trissenaar fasziniert folgte: "Sie sangen, dass das Wandern des Müllers Lust sei, und das wiederholten Sie so oft, bis es ganz verbraucht war und Ihnen im Halse stecken blieb und Sie erschrocken ins Leere starrten, denn welche Müllerin könnte wünschen, dass das Wandern des Müllers einzige Lust sei ... " In Stefan Puchers Tschechow-Variation "Drei Schwestern" gab Stucky ihrer Natalja eine kräftige Vitalität, die die Wehmutsseufzer der traurigen Schwestern komisch konterkarierte - und in ihrem robusten Pragmatismus einen traurig illusionslosen Kern entdeckte.

Der mit 5000 Euro dotierte Alfred-Kerr-Darstellerpreis reflektiert den Austausch zwischen den Künstlergenerationen: Indem jedes Jahr ein erfahrener Schauspielkünstler als Juror einen jüngeren Kollegen, eine jüngere Kollegin auszeichnet, wird ein Gespräch über Generationen hinweg sichtbar. So bekam der Kerr-Darstellerpreis in diesem Jahr eine besondere Bedeutung: Jenseits der Aufgeregtheiten der Feuilletons und des Karriere-Marktes, in der schauspielerischen Auseinandersetzung mit Figuren und Stoffen, werden die gern konstruiertren Konflikte zwischen "altem" und "neuem" Theater, zwischen Klassikergläubigkeit, Pop und Dekonstruktion plötzlich sehr unwichtig.

Auch aus einem anderen Grund wirkte die Verleihung dieses Preises wie ein wohltuender Kontrapunkt zu den theaterpolitischen Aufregungen des Augenblicks: Indem eine Schauspielerin geehrt wurde, rückte mit beiläufiger Selbstverständlichkeit das Spiel wieder ins Zentrum des Theaters, aus dem es, wie Peter von Becker, Feuilletonchef dieser Zeitung, in seiner Eröffnungsrede beklagte, von Debatten um Konzepte, Stilmittel, Dramaturgien nahezu verdrängt schien.

Der zweite Preis, verliehen vom Kulturkanal 3sat und mit 10 000 Euro dotiert, ging an einen Regisseur, der seinen radikalen Zugriff auf alte Stücke mit neuen Bildfindungen und einem könnerischen, hochvirtuosen Umgang mit Schauspielern verbindet - und so seinen analytisch durchdringenden Blick auf scheinbar vertraute Klassiker und Theaterstoffe szenisch eindringlich beglaubigt. Stefan Pucher, mit seiner dritten Tschechow-Inszenierung "Drei Schwestern", zum ersten Mal zum Theatertreffern eingeladen, hat eine der avanciertesten, formal und psychologisch zwingendsten Aufführungen dieses Festivals gezeigt. Die Theaterkritikerin Simone Meier, Angehörige der Theatertreffen-Jury und der Jury für den 3sat-Preis zum Theatertreffen, entdeckte in ihrer Laudatio bei Puchers Tschechow-Deutung hinter aller Beiläufigkeit eine kommunikative Dichte: "Da waren nicht die vielzitierte dekadente Lethargie und verträumte Langeweile, da war unter all der scheinbaren Kommunikationslosigkeit und Leere zwischen den Figuren ein Rhythmus. Als wären alle auf einer Party beim Tanzen, und keiner darf ausscheren, weil sich dann die Gesellschaft sofort verflüchtigen würde. Ein Puls, der alle Figuren untereinander verbindet, für den keiner etwas zu tun braucht, der einfach da ist." Pucher selbst konterte in seinem kurzen Dank für den Preis alle Pop-Theaterdebatten lakonisch mit einem Tschechow-Zitat, das er in einer englischsprachigen Tschechow-Ausgabe gefunden hatte: "I hate students, policemen, teachers, labels and trademarks."

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