Kultur : "Tristesse Royale": Club der blasierten Jungen

Kai Müller

Als fünf junge Autoren vor einem Jahr ein Buch mit dem Titel "Tristesse Royale" präsentierten und als "Sittenbild" ihrer Generation verkauften, erinnerten sie sich mit Wehmut daran, wie sie mit einem VW-Bus durch Südfrankreich düsten und von Baguette, Käse und Rotwein lebten. Das Glück war so einfach, damals. Lange her. Etwas davon will Joachim Bessing in die Gegenwart retten, auf die Bühne des Göttinger Jungen Theaters, wo die Dramenfassung des Werkes am Wochenende Premiere feierte.

Einer neuen, zeitgemäßen Dramatik zuliebe werden immer häufiger Filmstoffe und Fernseh-Formate für das Theater entdeckt. Selten mit Gewinn. Die Vorbilder sind zu wenig dauerhaft, um einem Publikum vermitteln zu können, warum es auf der Bühne schlechte Kopien anschauen sollte. "Tristesse Royale" ergeht es nicht besser.

So entstand das Buch: Auf Einladung Bessings hatten sich Christian Kracht, Eckhart Nickel, Alexander von Schönburg und Benjamin von Stuckrad-Barre drei Tage in einer Adlon-Suite eingemietet, Blick aufs Brandenburger Tor, um Champagner zu trinken und über das Dilemma ihres so restlos aufgeklärten wie trostlosen Daseins zu reden. Zwar verkündete das auf den Gesprächsprotokollen basierende "Manifest" ein Ende der Ironie ("Irony is over. Bye, bye."), aber in seiner Überspanntheit war es ein Coup. Die Kälte und Arroganz des Quintetts war als Provokation gedacht und tatsächlich verfielen die Feuilletons einem Beißreflex und empörten sich über ein Buch, das der Verlag für unverkäuflich hielt. Fünf Freunde wurden über Nacht zu Popstars - eine Boygroup des Literaturbetriebs. Der "Spiegel" fand: "Die nachinszenierten, von unsagbarem Dünkel durchtränkten Null-Dialoge aber böten nicht einmal den besten Schauspielern der Welt die Chance, hier irgendetwas mit Leben oder Charakter zu erfüllen."

In Göttingen werden solche Passagen genüsslich zitiert. Noch einmal will Bessing vorführen, was die Zeitgeist-Autoren behaupten: Popkultur folgt einer Ökonomie der Aufmerksamkeit. Nur was Aufsehen erregt, hat Bedeutung. Wie großartig müssen wir sein, lässt Bessing verlauten, wenn der "Spiegel" gleich zwei seiner Edelfedern auf uns ansetzt.

An der Tatsache, dass der Text farbloses Geschwätz bietet, ändert dessen Inszenierung indes nichts. Sie hat die Zusammenkunft aus der Hotelsuite in ein Waldstück verlagert, wo zwei Pärchen sich zu einem Picknick niederlassen. Vom "Abschaum" in öffentlichen Verkehrsmitteln angewidert, üben sie Posen des Dandytums und können doch nur den Schmerz nicht verwinden, gewöhnliche Creditkarten-Besitzer, Anzug-Träger und Koks-Kreative geworden zu sein. "Wir haben alle Schuld auf uns geladen", heißt es am Ende, "das kann man niemals wieder gutmachen. Wir kommen nicht in die Hölle, wir leben schon lange darin."

Existenzialistisches Pathos. Es sucht vollkommen zu Unrecht die Nähe Ernst Jüngers, der in Gestalt des Oberförsters aus "Auf den Marmorklippen" wie der erschlagene Vatergeist Hamlets zwischen den Tannen auftritt. Dessen Bekenntnis zur elementaren Schöpfungskraft der Natur wirkt in dieser Kulisse wie Kauderwelsch: Es fehlt das in die Knochen gehende Entsetzen über eine aus den Fugen geratene Weltordnung. So sehr sich die Schauspieler auch bemühen, den snobistischen Weltekel von Wohlstandskindern plastisch zu machen, sie müssen traktathafte Ansichten dozieren, ohne dass ein Lebensgefühl erkennbar würde.

Vermutlich war es ein Missverständnis zu glauben, die Pop-Desperados wüssten, was sie tun. Bessings Selbstversuch zeugt jedenfalls nicht davon, dass er die Motive seiner aristokratischen Attitüde wider die Welt der Alditüten durchschaut hätte.

Dass Popliteratur auch anders vorgeht, beweist am folgenden Abend ein Lesemarathon, zu dem nicht weniger als 16 Nachwuchsautoren nach Göttingen gereist sind. "Let it Rock" heißt das Spektakel, das neben dem "popkulturellen Quintett" unter anderem Alexa Hennig von Lange, Mithu Sanyal, Rebecca Casati, Andreas Neumeister, Moritz von Uslar und Rainald Götz an einer langen, schwarz verkleideten Tafel Platz nehmen lässt. Über ihnen thront das imposante Konterfei Sigrid Löfflers. Benjamin von Stuckrad-Barre ist wegen einer Fischvergiftung unpässlich. Doch Georg M. Oswald übersendet ihm einen deprimierenden Erfahrungsbericht über den Kauf eines Karpfens, der dem Schlachtmesser eines Fischhändlers zum Opfer fällt. Oswalds zynische, aber technisch brillante Erregung hätte den Tonfall vorgegeben, wenn nicht Nadine Barth oder Rebecca Casati dem Liebesbedürfnis dieser Generation mit stillen, zärtlich-charmanten Texten geantwortet hätten.

Es ist nicht die Regel, dass bei Lesungen euphorisch applaudiert, gejubelt und hellauf gelacht wird. Im überfüllten Saal des Jungen Theaters rocken die Autoren ihre Beiträge als 5-Minuten-Songs herunter, was ein abwechslungsreiches Mosaik aus Stimmungen, Bildern, literarischen Ausdrucksformen und Talenten ergibt. Was der Gesellschaftsreporter Alexander von Schönburg als "Privileg der Literatur am Ende der Geschichte" bezeichnet, dass sie nämlich nichts mehr sagen müsse und kommenden Generationen erspare, "sich mit uns beschäftigen zu müssen", ist bald selbst Geschichte.

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