Kultur : Tristesse total

MoMA-Hype – war da was? Das Kulturforum ist wieder Berlins geheimster Ort

Frederik Hanssen

In den Pfützen spiegelt sich der graue Berliner Novemberhimmel. Sonst passiert nichts. Noch vor wenigen Wochen war hier der hot spot der Hauptstadt; bis zuletzt hatte sich Tag und Nacht eine endlose Menschenschlange um die Neue Nationalgalerie gewunden. Die „MoMA“Ausstellung am Kulturforum war der Renner des Jahres, mit 1,2 Millionen Besuchern und 6,5 Millionen Reingewinn. Auf dieses Event richtete sich die Aufmerksamkeit der internationalen Öffentlichkeit, sieben selige Monate lang. Am Abend des 19. September dann schoss ein Abschiedsfeuerwerk in den Himmel – in Pink natürlich, der Erkennungsfarbe des MoMA.

Dann war Schluss; und zwar so gründlich, wie nur in Berlin Schluss sein kann. Wer in diesen Tagen an der Neuen Nationalgalerie vorbeikommt, findet keinen Hinweis darauf, dass hier irgendwann wieder etwas los sein könnte. Von der Terrasse des Museums schweift der Blick über das, was im Stadtplan „Kulturforum“ heißt: eine graue Schotterfläche inmitten von parkenden Autos. Ein Ort, der Fluchtreflexe auslöst.

Der Wärter wischt die Frage nach dem merkwürdigen Kontrast zwischen dem Trubel während der MoMA-Zeit und der Stille jetzt mit einer müden Handbewegung beiseite. Sie ist ihm wohl schon zu oft gestellt worden in den vergangenen Wochen. Kann man halt nichts machen. Bis zum 17. Dezember noch muss er die Leute wegschicken, die mehr sehen wollen als Ulrich Rückriems Stein-Installation in der oberen Halle (die dort vor sechs Jahren schon einmal gezeigt wurde). Bis zur Wiedereröffnung der Dauerausstellung bleiben die Säle im Sockelgeschoss geschlossen. Ja, das Café und der Museumsshop sind auch zu. Enttäuscht drängt die spanische Familie durch die Drehtür hinaus in den Nieselregen. Kein Plakat, kein Schild weist die Gäste aus dem Süden darauf hin, was die anderen 17, teils nur einen Steinwurf entfernten Staatlichen Museen derzeit zu bieten haben.

Klar, nachdem Hunderttausende durch die Säle geströmt sind, war ein neuer Teppich fällig. Aber muss das drei Monate Leerstand bedeuten? Warum lassen die Staatlichen Museen die Gelegenheit ungenutzt, nach dem MoMA-Medienhype ihre eigene, kaum weniger bedeutende Kollektion zum neuen Berliner Kulturliebling hochzupuschen? Warum folgte auf das MoMA nicht sofort das „MoBA“, das „Museum of Berlin Art“, zusammengestellt aus den eigenen Beständen und mit demselben effektvollen Marketing beworben, das dem Verein der „Freunde der Neuen Nationalgalerie“ den Erfolg sicherte? Kein Wirtschaftsunternehmen würde es sich leisten, erst mit ungeheurem Aufwand eine Marke aufzubauen und dann das Potenzial einfach brach liegen zu lassen.

Wer dem Pressesprecher der Staatlichen Museen kurz vor dem Ende der New Yorker Schau eine Mail schickte, um zu erfahren, wie denn der MoMA- Rummel für die Aufwertung des Kulturforums genutzt werden solle, erhielt erst einmal gar keine Antwort. Wer seinen elektronischen Brief dann ausdruckte, um ihn, mit einem Anschreiben versehen, dem zuständigen Herrn Henkel auf dem Postweg zukommen zu lassen, durfte sich nach einer weiteren Woche des Wartens über eine Antwort freuen: Aus dem Umschlag flatterte der „Tagesspiegel“-Briefbogen mit zwei handschriftlichen Notizen: „Schauen Sie doch mal in die Wall-Vitrinen – oder vielleicht auf die Flächen der Big-Banner...“.

Ein Kommunikationsstil, der deutlich macht, welchen Stellenwert man bei den Staatlichen Museen dem Kulturforum beimisst. Nicht mehr als eine Randnotiz ist das Areal jedenfalls auch Generaldirektor Peter-Klaus Schuster wert. Bei jeder Gelegenheit gibt er zu Protokoll, dass die Museumsinsel für ihn absolute Priorität genieße – und dass im übrigen die am Kulturforum beheimatete Gemäldegalerie auch dorthin gehöre. Jene grandiose Sammlung Alter Meister, für die erst 1998 ein maßgeschneidertes Haus in Nachbarschaft der Nationalgalerie geschaffen wurde. Doch der dezente Bau der Architekten Hilmer und Sattler soll bereits 2006 ausgedient haben, wenn es nach Schuster geht. Dann sollen Caravaggio, Vermeer und Rubens nach Mitte umziehen. Ein Gelände hat der Generaldirektor schon. Nur kein Geld für den nötigen Ausbau des historischen Kasernengeländes gegenüber der Insel. Wenn es dagegen um das Kulturforum geht, um den Abriss der „Piazzetta“ genannten Rampe und die Schaffung einer attraktiveren Eingangssituation, spricht Schuster gerne von der „Agenda 2060“: „Wir sehen das auf einer ganz langen Zeitschiene.“

So macht er weiter Negativwerbung für das Kulturforum. Und aus den Plänen für ein attraktives Standortmarketing, das der Gemäldegalerie so gut tun könnte, wird dann plötzlich doch nichts. „Eigentlich“, erzählt Bernd Wolfgang Lindemann, seit Juni Direktor der Sammlung Alter Meister, „sollten nach dem Ende der MoMA in den Schaukästen auf dem Mittelstreifen der Potsdamer Straße unsere besten Bilder gezeigt werden. Doch dann waren die Schaukästen plötzlich verschwunden.“ Es müssen wohl jene Vitrinen der Firma Wall gewesen sein, die Pressesprecher Henkel in seiner Antwort auf die Tagesspiegel-Antrage gepriesen hatte. Bleiben also noch die „Big-Banner“, zu deutsch die Großplakate an den Fassaden des Kupferstichkabinetts und des Kunstgewerbemuseums. Von der Potsdamer Straße lassen sich durch die kahlen Bäume allerdings nur die Buchstaben S, M und B erkennen.

Weitere Hinweisschilder auf die Institutionen des Kulturforums gibt es nicht. Weder im U-Bahnhof Potsdamer Platz noch an den Straßenecken. Frustriert lässt man sich auf einem Felsbrocken nieder, der wohl aus Versehen nach einem Kunstworkshop auf der Brachfläche zwischen Philharmonie und Nationalgalerie liegen geblieben ist. Was ist da eingemeißelt? „...und weinete, dass die Steine erweichten.“

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