Kultur : Triumph der Liebe

Marietta Piekenbrock

Im fahlen Nachmittagslicht, auf einem schmutzigen Teppich, in einem heruntergekommenen Haus lieben sich ein Mann und eine Frau. Stumm, scheu, hart, schnell. „Intimacy“ nannte Patrice Chéreau seinen Film, der sich rückblickend wie eine Etüde ausnimmt, die ihn in die intime Nähe brachte zu einer der modernsten Frauengestalten der klassischen Dramenliteratur – Racines „Phèdre“. Im Norden von Paris, an der Porte Clichy, stirbt auf der Bühne eine junge, schöne Frau aus Liebe. Dominique Blanc ist Chéreaus Phädra. Hohlwangig, mit gelöstem Haar, irrem Blick und nackten Schultern (Kostüme: Moidele Bickel) läßt sie uns teilnehmen an dem unerhörten Schauspiel ihrer Blöße (Foto: Marc Enguerand).

Auf einem schmalen Steg, in riskanter Nähe zum Publikum vollzieht diese zarte Gestalt den frappierenden Übergang vom klassischen Zeitalter in die Gegenwart. In nur zwei Stunden gelingt es Dominique Blanc, Racines archaisches Familiendrama von 1677 ins 21. Jahrhundert zu verschieben. Mitten hinein in die Szenarien unserer fahlen Authentizitäts-Kultur von leerem Sex und Unglück zu zweit statuiert sie das Exempel ihrer Leidenschaft. Bezahlt sie ihre Selbstbehauptung mit dem Tod.

Eine triumphale Rückkehr: Bald ein Jahrzehnt lang hat Chéreau, einer der bedeutendsten europäischen Theater- und Opern-Regisseure, nicht mehr für das Theater gearbeitet. Die Topografie des Raumes, den Richard Peduzzi entwarf, ist nahezu identisch mit der zeit- und ortlosen Kampfzone, in der Chéreau in den 80-er Jahren „In der Einsamkeit der Baumwollfelder“ von Koltès inszenierte. Racines „Phèdre“ gehört zu den Kronjuwelen der französischen Literatur. Chéreau hat den Diamanten neu geschliffen. Und mit der ihm eigenen präzisen, respektvollen Lässigkeit den ganzen billigen Modeschmuck der letzten Jahre von der Bühne gefegt. (Théatre Odéon - Ateliers Berthier, bis zum 20. April. Ab 30. April auf der RuhrTriennale, anschließend bei den Wiener Festwochen).

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