Kultur : Triumph der Lüge

Blair und Bush haben beim Irak-Krieg die Fakten manipuliert. Inspekteur David Kelly wurde zum Märtyrer. Jetzt kommt die Wahrheit ans Licht

Benjamin Korn

Der Krieg ist ein Treibhaus der Lüge. Der Feind wird belogen, um ihn zu täuschen, die eigene Bevölkerung, um sie nicht zu demoralisieren. Kriegsgründe werden erfunden, Kriegsziele verheimlicht. Churchill sagte, im Krieg brauche die Wahrheit die Lüge als Leibwächter. Die Lüge jedes Angriffskrieges lautet, er sei in Wahrheit ein Verteidigungskrieg.

Es ist schwer, einem Volk einen Angriffskrieg aufzudrängen, einen Verteidigungskrieg nicht. Selbst Hitler, der es scheinbar nicht nötig hatte, begann den Krieg gegen Polen mit der berüchtigten Lüge: „Seit 5 Uhr 45 wird zurückgeschossen.“ Warum sagte er nicht: „Seit heute morgen metzeln wir die Polen nieder, weil wir ihr Land nehmen, ihre Rohstoffe haben und die Juden ausrotten wollen“? Weil das wirksamste aller Argumente, um den Menschen ihre humanen Reflexe abzugewöhnen, ist, ihnen eine Notwehrsituation vorzugaukeln.

Das Notwehrargument im Irak-Krieg 2003, das von Präsident George W. Bush und dem englischen Premierminister Tony Blair gleichzeitig ausgegeben wurde, hieß, die irakische Armee könne innerhalb von 45 Minuten biologische und chemische Massenvernichtungswaffen einsetzen. Der Angriffskrieg wurde zu einem präventiven Verteidigungskrieg umgetauft.

Nach Rechnung der Alliierten sollte der Siegesrausch den Kriegsrausch ablösen und in den Köpfen der eigenen Bevölkerung alle Fragen verstummen lassen. Wäre die irakische Bevölkerung den Invasoren um den Hals gefallen und hätte es nach Kriegsende keine englischen und amerikanischen Toten mehr gegeben, wäre sie aufgegangen. Aber die Moral ist eine feige, unsterbliche Bestie. Sie wachte auf, weil es anfing schief zu gehen. Und die Bevölkerung, um keinen Deut wahrheitsliebender als ihre Führer, forderte nun, als Preis für alle diese unvorhergesehen Toten und Schwierigkeiten, die Wahrheit ein. Sie rieb sich die Augen und fragte: Wie war das eigentlich damals, als die ganze Geschichte anfing?

Der englische Waffenexperte David Kelly, der im Sommer 2003 Selbstmord beging, war kein Pazifist. Er war für den Krieg gegen Saddam Hussein, er war nur gegen falsche Gründe. Auch für eine seiner Ansicht nach gerechte Sache durfte nicht gelogen werden. David Kelly sagte, die Behauptung der englischen Regierung, der Irak könne innerhalb von 45 Minuten Massenvernichtungswaffen einsetzen, sei unwahr. Er sagte, dass Saddam Hussein eine Gefahr für den Weltfrieden darstelle, aber dass der Irak, allen Informationen zufolge, kurzfristig weder England noch die USA angreifen könne.

Damit wurde einer der zentralen Kriegsgründe von Premierminister Tony Blair in Frage gestellt (für welche Sache waren dann die englischen Soldaten gestorben?) und die halbe Regierung fiel wie ein Hornissenschwarm über Kelly her. Sie hätte den Namen des Waffenexperten geheim halten müssen, aber sie warf ihn der Öffentlichkeit zum Fraß vor. Das Bedürfnis, die auf den Kopf gestellte Wahrheit bis zum letzten zu verteidigen, trieb den Pressesprecher Blairs am Tage nach Kellys Selbstmord zur infamen Behauptung, dieser sei ein notorischer Lügner, weil er gesagt hatte, die englische Regierung habe den Krieg mit manipulierten, aufgebauschten Argumenten begründet.

„Fair is foul and foul is fair“, heißt es in Shakespeares „Macbeth“, und dieser Satz wurde 400 Jahre später in Shakespeares England wieder durchgespielt. Wenn der, der die Wahrheit sagte, lügt, dann sagen die Lügner die Wahrheit. Aber die Lüge hatte eine gewaltige Artillerie, den Regierungsapparat, die Boulevard-Presse, das private Fernsehen. Die Wahrheit hatte keine Truppen, sie streckte die Waffen. Die Lügen haben Kelly erschlagen, denn er hat es gewagt, an sie zu rühren.

Nach seinem Tod wurde eine Regierungskommission zur Wahrheitsfindung eingesetzt. Sie fand, dass die Regierung nicht gelogen hatte. Sie hatte vielleicht die Unwahrheit gesagt und ihre Behauptungen auf falsche Informationen gestützt, aber diese, vielleicht falschen, Informationen der Geheimdienste nicht „aufgeblasen“, wie die BBC behauptet hatte. Das war eine feine Unterscheidung. Die BBC musste sich nun bei Tony Blair, der, wie wir heute wissen, die Unwahrheit gesagt, aber Lord Hutton zufolge, nicht gelogen hatte, entschuldigen. Zur Lüge gehört nämlich, dass einer bewusst mit dem Ziel, sein Gegenüber zu täuschen, die Wahrheit verfälscht. Tut er es, im Glauben, die Wahrheit zu sagen, kann man ihn keinen Lügner nennen.

Einer, der die Lüge weitergibt, ist nicht wie ein Hehler, der gestohlenes Gut weitergibt und dafür bestraft werden kann, er kann subjektiv ehrlich sein und durchaus ein Gentleman bleiben. Im Privatleben, bei einem Menschen, der nicht über alle Informationen verfügt, warum nicht? Aber bei einem Regierungschef, der die Verantwortung für Geheimdienste hat, und aufgrund ihrer Erkenntnisse einen Krieg erklären kann, sieht die Sache wohl anders aus. Eine Information, die zum Krieg führt, muss „bombensicher“ sein. Und sie müsste aus einer zweiten und dritten Quelle zweifelsfrei bestätigt werden. Blair hat also, wenn er nicht log, eine falsche Information leichtfertig weitergegeben. Da Tony Blair aber gewiss kein leichtgläubiger Mensch ist, sonst säße er wohl nicht auf seinem Posten, ist die nächste Frage, warum?

Lord Hutton, der sich zur Qualität der Gründe für den Irak-Feldzug sonst nicht äußerte, sagte, die Geheimdienste hätten vielleicht „unbewusst“ nur solche Informationen gesammelt und gespeichert, die den Absichten der politischen Führer entgegenkamen.

Die Frage ist also: Hat der Hund das Stöckchen von selbst gebracht oder hat sein Herrchen es vorher geworfen? Wenn der Hund es von selbst brachte, ist der Hund schuld! Aber wenn der Herr das Stöckchen vorher ausgeworfen hat? Es scheint doch so zu sein, dass der Druck auf die Geheimdienste enorm war, um endlich einen präsentablen Grund für den längst vorentschiedenen Krieg zu finden. Die neu erfundenen Gerüchte lösten die gerade widerlegten mit absurder Schnelligkeit ab, es wimmelte nur so von falschen Informationen über Atomwaffen, biologische, chemische Waffen, umgebaute Trägerraketen, die i von Verteidigungs- Außen- und Premierministern zu Kriegsgründen ernannt wurden.

Im Irak-Skandal lieferten die Geheimdienste entweder gefälschte Tatsachen, oder den Tatsachen wurde so lange der Hals herumgedreht, bis sie zu jedem Geständnis bereit waren. Der Angelpunkt besteht darin, dass die zweideutigen Informationen der Geheimdienste von den Handlangern der Politiker so lange verzerrt wurden, bis sie auf den Wunsch, den längst vorentschiedenen Krieg zu führen, nahtlos passten – wobei die Frage, wer gelogen hat, der Lieferant der Information oder der Empfänger, selbst zur Verschleierungstaktik gehört. Es ist schon komisch, in einer Recherche von „Le Monde“ zu lesen, dass Blair seinen Geheimdienstchef immer wieder fragte, ob die Information, der Irak könne innerhalb von 45 Minuten Massenvernichtungswaffen abfeuern, felsenfest bewiesen sei, und dieser antwortete: So gut es eben geht! Da tanzten zwei Herren eng umschlungen an der Grenze von Wahrheit und Lüge. Wer führte bei diesem Tanz, wer hat wem die Lüge in den Mund gelegt?

Ist nicht der Kapitän für alles verantwortlich, was auf seinem Schiff geschieht? Warum, so möchte man wissen, hat Tony Blair – das konzedierte er vor dem Untersuchungsausschuss, der den Selbstmord David Kellys klären sollte – in den ihm vorgelegten Redeentwürfen den Satz, dass der Irak innerhalb von 45 Minuten einen Krieg mit Gas, Gift und Viren entfesseln könne, nicht angestrichen? Oder war es angenehmer für den, der den Krieg wollte, es lieber zu glauben, weil der Wunsch der Vater seiner Gedanken war?

In der Irak-Affäre war der Wunsch der Vater fast aller Gedanken. Es war der Wunsch, den Krieg zu führen. Nun mussten nur noch publizierbare Gründe gesucht werden. Die Lüge steckte von Anfang an darin, dass die wahren Gründe nicht zugegeben werden konnten. Man kann sagen, Blair und Bush haben in dieser Sache ständig gelogen, sogar mit den wahren Gründen gelogen, die sie in ihre Vorkriegs-Reden einflochten – da sie ihre wirklichen Absichten verschleierten. Blairs Freispruch ist der Triumph der Lüge. Denn ihr größter Triumph ist, zur Wahrheit erklärt zu werden und von der Wahrheit, die ihr auf die Spur kam, eine öffentliche Entschuldigung einzufordern und zu erhalten.

Aber ist das nicht die perfekte Erfüllung der Forderung, die schon Macchiavelli in seinem „Principe“ an den Staatschef stellt? Er müsse lügen, um an der Macht zu bleiben, aber wirklich gut lügen, das heißt: besonders ehrlich scheinen. Tony Blair ist das fleischgewordene Porträt dieses Satzes. Er hat eben das Glück, einem ewigen Pfadfinder zu ähneln, dessen Gesicht ein Stempelkissen für Offenheit und Glaubwürdigkeit zu sein scheint.

Und was nun die gerühmte Unabhängigkeit der englischen Untersuchungskommission betrifft: sie sei nun unabhängiger als es in Frankreich, Deutschland oder andernorts Mode ist, aber sie war von der Regierung eingesetzt worden und nicht von der BBC.

Es ist eine alte Geschichte: Ein mutiger Mensch legt sich mit den Lügen der Mächtigen an und geht dabei zugrunde. David Kelly gehört zu jener Minderheit von wahrheitsliebenden Menschen, die einfach den Mund nicht halten können und die Kriterien ernst nehmen, die den moralischen Prinzipien, den religiösen Geboten und der staatsbürgerlichen Erziehung entsprechen. Sie werden kurzerhand fertig gemacht. Das alte Testament wimmelt von Propheten, die, weil sie ihrem Volk die Wahrheit sagten, gesteinigt oder vertrieben wurden. Die Literatur ist voll von Beispielen solcher „Außenseiter“ der Menschheit, die ihren moralischen Kriterien aufs Höchste genügen und gleichwohl nur mit Hohn und Spott überschüttet werden. „Der Idiot“ von Dostojewskij ist so einer, Molières „Menschenfeind“ ein anderer. Auch die Geschichte hat zahllose Beispiele für kompromisslose Verteidiger der Wahrheit geliefert: Sokrates, der in ihrem Namen den Giftbecher trank, Giordano Bruno, der für sie auf den Scheiterhaufen stieg, der kompromisslose Spinoza, der als „Häretiker“ von einem Talmudschüler auf den Treppen der Amsterdamer Synagoge mit dem Messer attackiert wurde – und Tausende weniger berühmten Menschen: Journalisten, die einem Rauschgiftring nachspürten und ermordet, Richter, die sich mit der Mafia anlegten, und erschossen wurden. Die Wahrheit wird allenthalben geknebelt, verhüllt, verleumdet. Ihre Liebhaber, die für sie durchs Feuer gehen, sind rar und kostbar. David Kelly war einer von ihnen.

Benjamin Korn, 1946 in Lublin geboren, aufgewachsen in Frankfurt/Main, lebt als Regisseur und Essayist in Paris. Zuletzt erschien bei Suhrkamp sein Band „Kunst, Macht und Moral“.

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