Kultur : Triumph der Modelle

BERNHARD SCHULZ

Berlin hätte früher ganz selbstverständlich in einer Ausstellung über Barockarchitektur Berücksichtigung gefunden. Das Stadtschloß der Hohenzollern war eine der bedeutendsten Leistungen nördlich der Alpen. Daß Berlin eine Stadt des Barock war, wie sie später eine des Klassizismus werden sollte, ist heutzutage kaum noch zu erahnen. Vielmehr steht Rom beispielhaft obenan. Doch die barocke Architektur beschränkt sich mitnichten auf Kirchen und Paläste, wie sie am Tiber beispielhaft vor Augen treten. Dabei ist der römische Hochbarock nur eine, freilich hochbedeutende Spielart dieser wahrhaft europäischen Stilrichtung, die von Sizilien bis Schweden, von Spanien bis Rußland Verbreitung gefunden und das Bild zahlloser Städte bis auf den heutigen Tag geprägt hat. Es läßt sich kaum ermessen, welches Ausmaß die Bautätigkeit im 17. und frühen 18. Jahrhundert angenommen hat, von den Schlössern bis zu den Bürgerbauten, von Kirchen bis zu Manufakturen. Kein Zeitalter zuvor hat annähernd umfangreiche Spuren hinterlassen wie das des Barock, der zum vielfach variierten Universalstil reifte.Durchaus also nicht marktschreierisch ist der Titel "Der Triumph des Barock. Architektur in Europa 1600 - 1750" für eine umfassende Ausstellung zu diesem Thema; das Rokoko als Ausklang barocker Baugesinnung grosso modo eingeschlossen. Der Automobilhersteller Fiat gönnt sich das Vergnügen anläßlich seines 100jährigen Bestehens. Ausnahmsweise dient diesmal nicht der konzerneigene Palazzo Grassi in Venedig als Schauplatz eines der im europäischen Kulturkalender festverankerten Fiat-blockbusters, einer der publikumsträchtigen Großausstellungen, sondern das Jagdschloß Stupinigi in der Nähe von Turin. Damit wird weniger dem Stammsitz des Konzerns gehuldigt als vielmehr der Tatsache Rechung getragen, daß Turin als einstige Hauptstadt des Königreichs Sardinien-Piemont (ab 1720) eine durch und durch vom Barock geprägte Stadt ist. Das Jagdschloß zählt zu den eigenwilligsten Schöpfungen Filippo Juvarras, der die oberitalienische Residenzstadt zur Metropole geformt hat.Eigentümlich ist das Verhältnis von Massenwirksamkeit und kühler Rationalität in der barocken Architektur. Der vielbeschworene "barocke Überschwang", der ganze Prunk mit Formen, Farben und kostbaren Materialien ist nur die eine Seite. Die andere ist das erfindungsreiche Konstruieren wirkungsmächtiger Räume, seien es Innenräume oder stadträumliche Beziehungen, wie sie erst in diesem Zeitalter der gefestigten Territorialherrschaften im großen Maßstab möglich wurden.Das nach 1730 erbaute Jagschloß Stupinigi bildet den passenden Rahmen für die Ausstellung, die in ihrer Abfolge von zehn Kapiteln den weiten Raumfluchten folgt und mittendrin den Blick in den prachtvollen Zentralsaal einbezieht. Ansonsten bleibt die Substanz des Ortes im Hintergrund. Statt dessen rückt die Ausstellung das Anschaulichste in den Mittelpunkt, das Architektur im Medium der Ausstellung zu vermitteln vermag: das Modell. Vor fünf Jahren bereits war im Palazzo Grassi eine Übersicht über die Renaissance anhand von Architekturmodellen zu sehen (sie machte später im Alten Museum Berlin Station). Jetzt sind es nicht weniger als 80 Holzmodelle, die die umfassende Typologie barocker Bauten vorstellen und ebenso die enorme geographische Verbreitung dieses Stils in ganz Europa.War es überhaupt ein Stil? Der umfangreiche und überwiegend von den Größen der Historikerzunft wie Paolo Portoghesi, Werner Oechslin oder dem Gesamtleiter des Projekts, Henry A. Millon, bestrittene Katalog nähert sich dieser Frage aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Die Ausstellung selbst aber vertraut ganz der suggestiven Wirkung der Modelle. Neben ihnen verblassen die weiteren gut 300 Pläne, Stiche und Gemälde, die das Bild der Barockzeit plastisch hervortreten lassen sollen. Die Inszenierung der Modelle durch entsprechende Sockel, effektvolle Ausleuchtung und ein allerdings etwas geschmäcklerisches grafisches Konzept von Beschriftungen, Bodenmustern und Wandzitaten schlägt dem enzyklopädischen Vorhaben ein Schnippchen. Die Aufmerksamkeit des Besuchers wird magisch auf diese hölzernen Wunderwerke gezogen, einerlei, ob sie nun zeitlich oder räumlich zusammengehören.Da liegt nämlich die Crux der Ausstellung. Ihr Thema ist weit gespannt. Gerade diese Breite hätte in der Ausstellung verdichtet werden müssen. Statt dessen obsiegte die Entdeckerfreude der Veranstalter. Auch das verständlich, denn zweifellos wird es auf Jahre hinaus keine zweite Ausstellung geben, die die - oft versteckten und schwer zugänglichen - Schätze der Architektursammlungen Europas derart zahlreich und anschaulich an einem einzigen Ort zusammenführt. Doch die zehn Kapitel, die den ungeheuren Stoff nach Bauaufgaben vom Palast bis zum zivilen Ingenieurbau gliedern, müssen notwendigerweise die geographische Differenzierung hintanstellen - ungeachtet Millons prägnanter Formulierung im Katalog, daß "lokale Identität ein Charakteristikum des Barock in jedem Land und jeder Region Europas" sei.So finden sich denn auf langen Tischen Modelle zu Kirchen in Venedig, Rom, Brixen, London, St. Gallen oder Wien hintereinander gereiht, die zumindest in zeitlicher Nähe entstanden sind. Schwieriger wird es bei der Zusammenfassung der großformatigen Modelle. Da ist zum einen ein Modell der Wallfahrtskirche Superga des Turiner Lokalheros Juvarra (um 1716, Bauausführung 1717/31), dann das fünf Meter hohe Modell einer - ungebaut gebliebenen - Kuppelkirche für Amsterdam (1684/95), und schon wird der Blick angezogen von dem fünf mal fünf Meter messenden Modell der Gesamtanlage, die Francesco Bartolomeo Rastrelli 1748/56 für das Smolnyi-Kloster im neugegründeten St. Petersburg entworfen hat. Der Entwurf wurde nur teilweise ausgeführt. Vor allem der - im Modell 2,65 Meter hohe - Glockenturm, gedacht als höchstes Bauwerk der von Peter dem Großen befohlenen neuen Hauptstadt, blieb Entwurf. Das Modell aus dem Bestand der Russischen Akademie der Künste lenkt den Blick auf die beeindruckende Bautätigkeit im Winkel Europas und auf den enormen Einfluß, den italienische Baumeister ausübten; zugleich aber auf die eigenwillige Verschmelzung italienischer und altrussischer Baumotive. Der Katalog weist darauf hin, daß diese Vermischung bereits weit vor Rastrellis so ungemein produktiver Tätigkeit in St. Petersburg begonnen hat. Bald danach beauftragte Katharina die Große den russischen Architekten Wassily I. Baschenow mit dem Entwurf des Großen Kreml-Palastes, den dieser in beinahe schon neoklassischer Formensprache entwickelte. Der Bau erwies sich als unausführbar; die Modelle von 1767/73 indessen zählten bald zu den Attraktionen Moskaus.Teilmodelle sind jetzt in Turin zu sehen - allerdings im Kapitel "Königliche Paläste" in Nachbarschaft der Modelle zu Juvarras Castello di Rivoli nahe Turin und Luigi Vanvitellis gigantischem Palast von Caserta bei Neapel, einer der größten und reichsten Städte ihrer Zeit. Dazu kommt noch das Projekt eines Schlosses im englischen Richmond von William Kent (1735), das gerade als Gegenentwurf zu dem als katholisch-absolutistisch verstandenen Barock einen "nationalen" Stil begründen helfen sollte.Es wäre überaus reizvoll gewesen, die russische Entwicklung zusammenhängend vorzustellen; desgleichen, die Frage der religiösen Konnotation des Barock genauer auszuleuchten. Immerhin wurde ja auch ein solches Hauptwerk des Protestantismus wie die Dresdner Frauenkirche in barocker Formensprache geschaffen. Und schließlich wären die Übergänge des Hochbarock in die eher intimen und dekorativen Phantasien des Rokoko einerseits und die staatsverherrlichende Sprache des Frühklassizismus andererseits eigene Betrachtungen wert gewesen. So wird die Frage des symbolischen Gehalts der Barockbaukunst auf dem Hintergrund eines politisch derart zerrissenen und mit dem Höhepunkt des Dreißigjährigen Krieges so furchtbaren Säkulums wie des 17. Jahrhunderts von den Veranstaltern ausdrücklich gestellt. Nur gelang es ihnen nicht, die so ungemein beeindruckende Materialfülle entsprechend zu bändigen.Die Ausstellung ist gleichwohl ein Ereignis - eben der Modelle wegen, deren handwerkliche Perfektion größte Bewunderung abverlangt. Nach dem erschöpfenden Rundgang erscheint die Ausstellung eher als ein Steinbruch der architektonischen Imagination - so, wie es die Maler des späten 18. Jahrhunderts verstanden, deren Bilder den Epilog bilden. Künstler wie Canaletto, Piranesi oder Hubert Robert bedienten sich aus dem Fundus der durch Bücher und Stiche in ganz Europa bekannten Architektur ihres zu Ende gehenden Zeitalters, um daraus Capricci zu ersinnen oder aber Visionen einer zukünftigen Vergangenheit, in die die Bauten des Barock ebenso eingesunken sein würden wie die fernen, immer noch als vorbildlich bewunderten Ruinen der Antike.

Turin, Jagdschloß Stupinigi, bis 7. November.Täglich 9 - 19 Uhr, Eintritt 14 000 Lire. Katalog bei Bompiani, 623. S., in italienischer oder englischer Sprache, brosch. 90 000 Lire.

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