Kultur : Triumph der Tradition - Drei Choreographien von Richard Wherlock

Norbert Servos

Nein, ein Revolutionär ist Richard Wherlock nicht. Er will nicht tradierte Formen aufbrechen. Lieber spielt er in einem gegebenen Rahmen - und beweist dabei beachtliche Könnerschaft und Erfindungsreichtum.

Drei Stücke, zwei ältere und ein neues, hat der Choreograph der Komischen Oper jetzt unter dem Titel "Folk-Lore" zu einem Abend zusammengefasst. Sie eint, was mit dem Terminus Volksmusik nur sehr unzureichend beschrieben ist. Denn von schunkelseligem Musikantenstadel kann hier keine Rede sein. Eher schon ist dies eine Reise zu unterschiedlichen musikalischen Wurzeln.

Irische Folksongs und Folkrock intonieren die Begegnung von je acht Männern und Frauen in "Lore". Die treffen sich nicht zum oft beschworenen Geschlechterkampf, sondern zu spielerischer Annäherung und Kräftemessen. Ein wenig "Stomp"-Atmosphäre: mit Körper-Percussion, Stampfen und Anfeuerungsrufen. Ständig wechseln sie ihre Formationen, schließen sich zum Kreis, auf Stühlen sitzend, oder konfrontieren einander in langen Sitzreihen. Von hier brechen sie immer wieder auf zu einer Nummernrevue der guten Laune, ein wenig forciert am Anfang, glaubhafter gegen Ende. Wherlock benutzt Schrittmaterial des irischen Volkstanzes und lässt doch allzeit seinen eigenen Stil erkennen. Schnell umkreisen die Arme Kopf und Oberkörper, in vertrackten Kombinationen kreuzen die Beine und provozieren Drehungen. Ein Auftakt ist das wie bei einer amerikanischen Kompanie: unbeschwert und ohne Hintergedanken.

Fast wie eine Fortsetzung wirkt da die Uraufführung des Männerstücks "Up Contry". Angeführt von Gregor Seyffert gerieren sich die zehn Tänzer des Ensembles als muntere Holzfäller-Machos. Beherzt hacken sie mit ihren Äxten auf schwere Holzklötze ein. Am Ende werden sie fallen. Auch hier werden Rivalitäten im tänzerischen Wettbewerb ausgetragen: als brillant hingelegte Solonummern. Dazwischen hält Wherlock sein Stück mit nimmermüden Formationswechseln in Gang. Nicht nur als Sitzklötze lassen sich die Stämme benutzen, sondern auch zum tänzerischen Slalom-Parcours aufbauen. So schwanken die gestandenen Kerle stetig zwischen protziger Konkurrenz und gemeinsamer Tanzlust. Konventionell mag das sein und ein wenig unbedarft. Wherlock benutzt griffige Klischees, um mit ihnen zu spielen. Kritik ist seine Sache nicht. Die Auflösung erfolgt eher in der Fülle choreografischer Ideen, mit denen die eherne Männerwelt buchstäblich in Grund und Boden getanzt wird. Und doch bleibt in diesem tänzerischen Feuerwerk Raum für andere Töne. Etwa wenn der geschmeidige Gregor Seyffert im Eröffnungssolo für Momente wie tot über dem Hauklotz liegt, oder wenn gegen Ende Davide Pedersini zwischen kraftvollem Aufbäumen und Abschlaffen pendelt.

Dass er daneben auch ernstere Töne anklingen lassen kann, belegt das Schlussstück "Stetl" zu Klezmer-Musik. Das eröffnet mit einer langen Diagonale reisebereiter Paare, die sich auf und um ihre Koffer bewegen. Doch was erscheinen könnte wie der Auftakt zu einer altbekannten Opfer-Geschichte nimmt eine gänzlich andere Wendung. Wherlock porträtiert hier mit großer Sensibilität die untergegangene ostjüdische Welt zwischen Melancholie und Lebenskraft. Die kleinen Geschichten, die er hier lose ineinander greifen lässt, sind ebenso sehr Liebesgeschichten wie Geschichten des Abschieds und der Trauer. Unterwegs sind die zwölf Frauen und zehn Männer auf einer Lebensreise ohne heimatlichen Ort. Wenn sie überhaupt eine Heimat haben, dann tragen sie sie in sich: in einem reichen Gefühlsleben, das die Choreografie nuancenreich zum Vorschein bringt. In den zahlreichen Tangos können die Paare ebenso intime Näher erfahren wie ein fast panisches Anklammern. Mal halten die Männer den Frauen schützend die Köpfe und führen so behutsam ihre Bewegungen. Dann wieder zerbrechen und verkanten die Bewegungen unter einer unsichtbaren Last. Dazwischen findet sich das Ensemble in einer unbeschwerten Tanzlust, die doch nie unbedacht ist.

In "Stetl" hält Wherlock eine delikate Balance und grundiert seinen Erfindungsreichtum mit zahllosen Detailkorrespondenzen. So gelingt ihm eine Choreografie von suggestiver Wirkung. Selten hat man das Ensemble der Komischen Oper mit solcher Leichtigkeit und Geschmeidigkeit tanzen sehen. Unter den Frauen ragen in "Stetl" vor allem Lucila Alves, Caroline Lhuillier und Angela Reinhardt heraus. Offenbar gibt Wherlock der Kompanie genau jene choreografische Nahrung, die den Tänzern die größtmögliche Freiheit einräumt.

Wenn er jetzt, unverhofft früh, das Handtuch wirft und in die Schweiz zurückkehrt, wird er in Berlin eine spürbare Lücke hinterlassen. Den was Choreografie als Kunst der Bewegung bedeuten kann, lässt sich im Moment offenbar nur noch bei den traditioneller basierten Choreografen erfahren.Nächste Vorstellungen 25.5. und 1., 19., 27.6.

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