Kultur : Triumph statt Abschied

Comeback eines Abgeschriebenen: George Michael im Berliner Velodrom

Frederik Hanssen

Wie konnte denn das passieren? Auf dem offiziellen Foto für seine „25 Live“-Tour sieht George Michael aus wie Andrea Bocelli. Okay, die Sonnenbrille ist auch sein Markenzeichen. Doch dieser leicht zum Boden geneigte Kopf, der beim Lachen geöffnete Mund, der Stoppelbart, das alles kopiert die Bildsprache des italienischen Schlagertenors.

Andererseits: „Time to say good-bye“, das waren auch George Michaels Worte, damals, im Februar 2004 im Kino International, nach der Berlinale-Premiere des bewegenden biografischen Dokumentarfilms „A Different Story“. Ohne den Namen seines Erbprinzen Robbie Williams zu nennen, erklärte er, jetzt seien mal Jüngere dran. Er könne sich ja andere Beschäftigungen suchen, beispielsweise Musicals komponieren. Ein großer Abgang eines Großen der Popgeschichte kündigte sich an. Demütig, erhobenen Hauptes. Die Fangemeinde weinte Tränen der Rührung.

Jetzt steht er trotzdem wieder auf der Bühne, ohne sichtbaren Comeback-Willen, ja selbst ohne aktuelles Album. Dass George Michael seit 25 Jahren im Showbusiness arbeitet, muss Anlass genug sein für die Europatournee, auf der er am Montag im Berliner Velodrom haltmachte. Wer um alles in der Welt hat ihn da rausgeschubst? Seine Plattenfirma – weil sich die Labels daran gewöhnt haben, mit dem Recycling von „Altstars“ noch einmal kräftig Schotter zu machen? Eine Greatest-Hits-Doppel-CD ist angekündigt (obwohl es die mit „Ladies & Gentlemen“ eigentlich bereits gibt). Oder hat ihn sein Therapeut bedrängt?

Zuletzt hatte es jede Menge hässliche Geschichten über den Sänger gegeben, peinliche Zusammenstöße mit der Polizei, die ihn mal „komatös“ hinterm Steuer seines Wagens fand, mal von einem Kofferraum voller Sexspielzeuge überrascht wurde. Und dann dieser Joint beim TV-Interview. In der Branche jedenfalls gilt der Popveteran als derart abgehalftert, dass sich schon Jungstars wie die Arctic Monkeys trauen, über den Giganten mit 85 Millionen verkauften Alben und sechs Nr.1-Hits allein in den USA herzuziehen. „Wir müssen jetzt weg“, grölte die Band bei der Verleihung der „Q-Awards“ vergangene Woche in London ins Mikro. „George Michael will uns mitnehmen, und auf dem Weg nach Hause kommen wir an sechs Ampeln und drei öffentlichen Toiletten vorbei.“

So ein Auftritts-Marathon durch zwölf Länder schlaucht, vor allem wenn die letzte Tour 15 Jahre zurückliegt. Aber sie hilft auch, sich zur Professionalität zu zwingen, die Gedanken zu fokussieren, schmerzliche Erinnerungen eine Zeit lang zu verdrängen. Also hat sich George Michael aufgemacht, mit engem Terminplan, Montag Berlin, gestern Hamburg, am Donnerstag ist er in Mannheim, am 13. November in Köln, zum Abschluss dann vier Abende im Londoner Wembley-Stadium.

Die Bühne ist spektakulär: eine Welle, die sich aus dem Boden erhebt, eine Tanzfläche für den Künstler bietet, um dann im rasanten Schwung gen Hallendach aufzusteigen. Ein Hightech-Wunder, ein gigantischer LCD-Bildschirm, über den unablässig Computeranimationen und Filmsequenzen flimmern. Im Hintergrund ist die Band auf einer Art Hochlager-Regal platziert, Tänzer gibt es keine, manchmal dürfen die Backgroundsänger mit nach vorne. So bleibt die Show ziemlich virtuell – denn ein Bühnentier ist George Michael nun wirklich nicht. Von dieser wunderbar warmen, menschlichen Stimme aber mag man sich immer noch gerne umarmen lassen: „Faster Love“, „Father Figure“, „Praying For Time“. Bei „Everything She Wants“ ruft er „von 1984!“ ins Mikro. Mein Gott, ist das wirklich schon so lange her?

Und dann wird George Michael politisch: Zu „Shoot The Dog“ wird eine riesige Bush-Puppe aufgeblasen, dem eine britische Bulldogge am offenen Hosenstall hängt. Wohlfeiler Jubel. 20 Minuten Pause. Auch wenn die Stimmung im Innenrund bis dahin nicht wirklich bis zur Euphorie hochgekocht ist: Die Fans im restlos ausverkauften Velodrom sind bereit zur Silberhochzeitsparty. Die meisten haben ihren Treueschwur schon vor 25 Jahren geleistet: in guten wie in schlechten Tagen. Zum Dank gibt’s im zweiten Teil ausschließlich „Weißt du noch“-Nummern, als Disco-Mix mit eingestreuten Balladen, „Faith“, „Spinning The Wheel“, „Jesus To A Child“ und, als Zugaben, „Careless Whisper“ und „Freedom“. Punkt 22.30 Uhr beginnt der Abspann über den Megascreen zu laufen, eine endlose Namensschlange wie im Kino. Ein Happy End?

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