Kultur : Triumphale Tropen

Eine

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von Bernhard Schulz

Mag sein, dass die Diskussion um die Bebauung des Berliner Schlossplatzes eine Phantomdebatte ist. Mag sein, dass bei der optimistischen Interpretation der in der vergangenen Woche vorgestellten Machbarkeitsstudie der Wunsch der Vater des Gedankens war. Mag sein, dass sich der erhoffte SchlossNeubau nicht rechnet. Aber die Idee, die Ethnologischen Sammlungen in die Mitte Berlins zu bringen und ernst zu machen mit der Gleichberechtigung europäischer und außereuropäischer Kulturen zeigt bereits ihre Wirkungsmacht. In Dahlem ist es zu besichtigen. Die neu gestaltete Afrika-Abteilung bricht radikal mit der früheren, kolonialistisch verengten Sicht der „Völkerkunde“. Sie zeigt uns Afrika als einen Kontinent der Kunst, einer Kunst in tausenderlei Unterschieden und Verästelungen.

Anderenorts, zumal in Paris, wird es seit Jahren vorgemacht. Der Einzug der arts premiers in den geheiligten Louvre bedeutete einen Tabubruch, der in der einstigen Kolonial-Hauptstadt nicht nur Befürworter fand. Mittlerweile ist er selbstverständlich. Die Schönheit der Kunstwerke Außereuropas besiegte alle Zweifel. Auf dieses Niveau beginnt sich Berlin hinzubewegen. Noch ist Dahlem eine Exklave des Fremden. Doch allein eine in die Afrika-Übersicht eingeschmuggelte Skulptur Ernst Ludwig Kirchners genügt, unseren Blick zu verändern. Jetzt sind wir die Fremden, so wie Kirchner und Co. einst die Fremdheit der in ihrem Gehalt unverstandenen afrikanischen Skulptur als formale Anregung verstanden.

So hat es auch die gestern mit riesigem Erfolg zu Ende gegangene Expressionismus-Ausstellung der Neuen Nationalgalerie noch einmal in Erinnerung gerufen. Fortan wird die Begegnung der Kulturen ein Maßstab sein, an dem die Arbeit der Museen gemessen wird. Die Veränderungen in den stillen Hallen von Dahlem geben eine Ahnung davon, was in Berlins Mitte geschehen könnte. Der düster an den Horizont gemalte clash of civilizations ist nicht die unvermeidliche Zukunft der Globalisierung, sondern deren Zerrbild. In Dahlem wird deutlich, dass es kulturellen Austausch stets gegeben hat. Wir müssen ihn nur praktizieren. Am wirkungsvollsten in der Mitte Berlins.

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