Kultur : Trocken geht die Welt zugrunde

Privatisierung als Katastrophe: zwei Streitschriften zum Geschäft mit dem Wasser

Melanie Ottenbreit

Eine Grundwasserquelle in Texas gefällig? Oder einige Kubikmeter Oberflächenwasser aus British Columbia? Ein Mausklick genügt, denn im Internet etabliert sich ein Wasserhandel, der von der Öffentlichkeit noch so gut wie unbemerkt ist. Dot-Com-Gesellschaften wie die WaterBank offerieren Süßwasser auf dem virtuellen Markt. Doch nicht nur dort gerät das wertvolle Gut zur Ware. Das Weltwasserforum in Den Haag hat im Jahr 2000 festgestellt, das Wasser handelbar ist. Da Süßwasser in immer größeren Mengen verbraucht wird, nimmt seine Menge ab und steigert so, ganz im Sinne des shareholder value, den Preis der Anbieter.

Aktienanleger glauben, aus dieser Goldgrube bald schöpfen zu können. Schon jetzt setzt das globale Wassergeschäft jährlich 400 Milliarden US-Dollar um. Dabei steckt die Privatisierung des Wassersektors noch in den Anfängen. Die Weltbank bilanziert den potenziellen Markt auf eine Billion Dollar. Wasser, das blaue Gold: Diese Metapher verwenden gleich zwei Überblicksdarstellungen zur Wasserkrise. „Der Kampf um das blaue Gold“ stammt von der indischen Physikerin Vandana Shiva, die auch den alternativen Nobelpreis gewonnen hat. „Blaues Gold“ stammt von den kanadischen Bürgerrechtlern Maude Barlow und Tony Clarke. Beide Bücher weisen auf eine Entwicklung hin, die hierzulande kaum wahrgenommen wird – die zunehmende Privatisierung von Wasser. In der Hand weniger Großunternehmen wie der französischen Vivendi und Suez, aber auch der RWE über das britische Tochterunternehmen Thames Water, liegt mehr und mehr die Kontrolle des Wassermarkts. Die Autoren setzen diesem Trend ihre Forderung nach einer „Wasserdemokratie“ entgegen, in der „alle Menschen Recht auf sauberes Wasser haben“.

Statt allein die Fakten sprechen zu lassen, neigen beide Bücher leider zu ideologisch eingefärbten Ausführungen. So verschenken sie Potenzial, denn schon die Beispiele für sich überzeugen. Die politische Rhetorik – sie entstammt dem Kreis der Globalisierungsgegner – verhindert, dass auch jene ins Boot geholt werden, die mit den Autoren zwar die Sorge um das Wasser, nicht jedoch die Weltanschauung teilen.

Die Privatisierung ist die Wurzel allen Übels. Nicht nur hierin ist sich Shiva mit ihren kanadischen Kollegen einig, sie zitieren sich auch sonst gegenseitig. Shivas Kommentare schießen aber deutlich über Barlow und Clarke hinaus. Niemand bestreitet, dass der Raubbau ausländischer Firmen an der Natur – im regenreichen Nordosten Indiens sind Wälder gerodet und damit Wasserhaushalte zerstört – Regionen und deren Einwohner schädigt. Das ist alarmierend, aber rechtfertigt es, von „Terrorismus“ zu sprechen? „Die Privatisierung der Wasserversorgung und die Verschmutzung von Brunnen und Flüssen ist eine Form von Terrorismus. Im ökologischen Kontext der Kriege um Wasser sitzen die Terroristen nicht nur in den Höhlen Afghanistans. Einige verstecken sich auch in den Aufsichtsräten der Konzerne“, schreibt Shiva. Den Dialog, der in Fragen der Wasserverteilung so dringend geboten ist, fördern solche Vergleiche sicher nicht.

Bereits heute leben 1,4 Milliarden Menschen ohne Zugang zu Trinkwasser. Gerade arme Staaten suchen daher ihr Heil in der Privatisierung des Wassermarkts. Barlow und Clarke belegen an Beispielen, dass es Wasserkonzernen oft am „moralischen Druck“ fehlt, „im Interesse derjenigen zu handeln, denen sie die Wasserversorgung in Rechnung“ stellen. Kontrolle der Unternehmen ist geboten. Ob man daraus aber schließen muss, dass die öffentliche Wasserversorgung per se der privatwirtschaftlichen vorzuziehen ist?

Um von den Darstellungen zu profitieren, die weniger Analyse denn Plädoyer sind, muss man sie mit nüchternem Blick lesen. Nicht die Statements, sondern die Fakten schrecken auf. Die Wasserkrise ist komplex, viele Faktoren sind miteinander verflochten. Wenn Wasser tatsächlich das Öl in seiner Bedeutung ablöst, werden die Kämpfe der Zukunft solche um Wasser sein. Der Weltbank-Vizepräsident Ismail Serageldin hat das schon 1995 prognostiziert.

Überall auf der Welt trocknet der Planet Erde aus. Ein vom Menschen verursachtes Problem: In der Landwirtschaft wird heimisches Getreide vielerorts durch Hochertragssaatgut ersetzt. Weil das weniger resistent gegen Dürre ist, muß es aufwendiger bewässert werden. Immer noch werden Staudämme errichtet, obwohl bekannt ist, dass sie die Wassernot nicht lösen. Sie führen zu sozialen Tragödien, wenn ganze Dörfer in den aufgestauten Fluten untergehen.

Shiva umreißt diese Schicksale mit wenigen Strichen. Die Wasserkrise bringt sie radikaler und persönlicher als ihre kanadischen Kollegen auf den Punkt. Für ihre indische Heimat ist sie manchmal so engagiert, dass sie in die „Ich“-Form wechselt. Barlow und Clarke hingegen formulieren ihr Anliegen zurückhaltender. „Blaues Gold“ ist das detailliertere Buch, verliert sich aber in Statistiken. Die Autoren holen weiter aus, berichten etwa von den Techniken, Wasser über große Distanzen zu transportieren. Manchmal gerät ihnen aber ihr Thema aus dem Blick. Was etwa haben gebietsfremde Tierarten, die heimische Bewohner eines Ökosystems gefährden, mit dem Wassergeschäft zu tun? Sie sind eher eine Frage des Artenschutzes.

Beide Bücher sind nicht vorbehaltlos zu empfehlen. Die Relevanz ihres Appells mindert das aber nicht. „Es gibt für dieses kostbare Nass einfach keinen Ersatz, alles Leben von Pflanze, Tier und Mensch ist darauf angewiesen“, schreibt Vandana Shiva. Da liegt es auf der Hand, Wasser in den Rang eines Menschenrechts zu erheben.

Maude Barlow/Tony Clarke: Blaues Gold. Das globale Geschäft mit dem Wasser. Aus dem Englischen von G. Gockel, T. Wollermann und B. Jendricke. Verlag Antje Kunstmann, München 2003. 340 S., 24,90 €.

Vandana Shiva: Der Kampf um das blaue Gold. Ursachen und Folgen der Wasserverknappung. Aus dem Englischen von Bodo Schulze. Rotpunktverlag, Zürich 2003. 200 Seiten,17,50 €.

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