Kultur : Tröpfchen für Tröpfchen

Christoph Marthalers „+-0 - Ein subpolares Basislager“ an der Volksbühne

von
Frost. Marthalers Mimen. Foto: Volksbühne
Frost. Marthalers Mimen. Foto: Volksbühne

Tropf, tropf, so gehen 20 000 Jahre dahin. Ein uralter Eisblock, aus ozeanisch gespültem Treibwasser gepresst, schmilzt im Pavillon der Volksbühne ab, das Klima hier bekommt ihm schlecht. Was für eine empörend tolle Installation. In seiner grönländischen Heimat, das zum Trost, wäre ihm das gleiche Schicksal widerfahren. Nur eben unbemerkt.

Mit dem Eis ist die Marthaler-Familie gekommen. „+-0 – Ein subpolares Basislager“ heißt die Inszenierung, die der Schweizer und seine musikalischen Wanderer von Expeditionen zum Polarkreis mitgebracht haben, die Premiere fand im grönländischen Nuuk statt, nach den Wiener Festwochen ist sie nun in der Volksbühne angelangt, wo Christoph Marthaler zuletzt 2006 gearbeitet hat. Natürlich ist die Zeit seitdem stehen geblieben.

Anna Viebrock hat einen dieser grandiosen Räume gebaut, die mit der Realität um Aussichtslosigkeit konkurrieren, eine Turnhalle mit Basketballkorb und Gitterverschlag zum Aufenthalt. Das Original soll sich im US-Armeestützpunkt Kangerlussuaq befinden. Die Matten an den Wänden haben schon bessere Tage gesehen, alles ist überzogen von der Patina des Verfalls. Es gibt keinen Anfang und kein Ende in den Räumen, so wenig wie in dem „Sandbuch“, das aus einer Borges-Erzählung entliehen wird. Nur Gymnastik der Vergeblichkeit. Vollführt von Menschen, die sich im Wartestand des Lebens befinden wie der Inuit im Iglu.

In Schildkrötengeschwindigkeit schälen sich die Marthaler-Spieler, zu denen sich zwei grönländische Schauspielerinnen gesellt haben, aus gefühlten fünfzehn Schichten Kleidung. So viel Anpassung muss sein. Sie sind ja nicht als Bezwinger der Schneeweite gekommen, diese Eisreisenden mit aller Zeit der Welt im Gepäck, sondern als Bedächtige, aus dem Tritt geratene. Wenn Ueli Jäggi vom Stehpult an der Wand aus die grönländische Performerin Gazzaalung Qaavigaq belehrt, oder ein Gesetz der Königlich-Gröndländischen Handelsgesellschaft von 1783 anklingt, das zum Schutz der heimischen Sitten den Verkehr zwischen Nordmenschen und Europäern verbietet, dann ist der Verdacht der Theater-Kolonisation hinreichend ironisiert. Nein, die Marthaler-Menschen haben die alte Welt längst abgelegt und spielen mit den Handys Eisstock. Vom fernen Kontinent sind nur die Melodien geblieben, Beethoven und Mozart, Strauß, Purcell oder Puccini.

Zwischen der Musik erzählen sie sich Geschichten. Von Alpen, Gletschern und dem Eis, das so ewig nicht ist. Aber um den Klimawandel geht es hier nicht, obwohl en passant die Politik der globalen Sinnschmelze hochgenommen wird. Der Abend ist eine stille Andacht vor der Natur, der inneren und äußeren, mit Döblins Zukunftsschau „Berge Meere und Giganten“ und Georg Steiners Melancholie-Aufsatz „Warum das Denken traurig macht“. Nur die Warmherzigkeit des Regisseurs verhindert den Permafrost der Seele.

Nur: Diesem „Basislager“ fehlt der Grund. Man kennt die Marthaler-Mittel, die verrutschten Paar-Begegnungen, das slapstickhafte Gegen-die-Wand-Rennen, das abrupte Verstummen. Und man liebt sie, so wie seinen schrägen Humanismus. Man kann sich, wie stets, in Viebrocks Raum fallen lassen und die Welt vergessen. Man vermisst auch die Erzählung nicht. Aber das Zwingende. Der Abend plätschert dahin – und aus: +-0. Tropf, Tropf. Viel mehr als vom Eisblock im Pavillon bleibt nicht. Patrick Wildermann

wieder 10. und 11.9., 19 Uhr in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

0 Kommentare

Neuester Kommentar