Trommelwirbel : Freiheit, ein Ort

Legende ist noch zu wenig: mit Max Roach verliert die Welt einen ihrer begnadetsten Schlagzeuger, der fast allen Jazz-Größen den Takt vorgab.

Tom Fuchs
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Der Herr der Stöcke: Schlagzeug-Legende Max Roach. -Foto: Fotex

Max Roach stieg immer in derselben Herberge ab, wenn er nach Paris reiste. Das kleine Hotel Raphael im gediegenen 14. Arrondissement hat viele Abgesandte des Bebop gesehen, seit sie erstmals 1949 über den großen Teich kamen, um die neue Botschaft des Jazz auch in Europa zu verbreiten. Max Roach war dabei. Als Schlagzeuger des legendären Charlie Parker Quintetts gehörte er zu der Generation von Musikern, die zur Modernisierung des Jazz ansetzten, ihn fragmentierten, rasanter und schneller machten.

„Bitte nennen Sie mich nicht Jazzmusiker“, wehrte sich der alte Herr noch vor vier Jahren freundlich, aber bestimmt gegen diese in seinen Augen diskriminierende Etikettierung. Für Roach war Jazz ein komplexer Begriff, der in erster Linie ein musiksoziologisches Phänomen umfasst. „Uns Musikern schlug damals ein Gefühl der Gleichgültigkeit entgegen“, erinnerte sich Roach an die Anfangsjahre, als die großen Konzertsäle ihm wegen seiner Hautfarbe verschlossen blieben, „und Auftritte in Clubs waren schlecht bezahlte Jobs.“ Roachs Karriere begann schon als Teenager in einem dieser Clubs und von Anbeginn ging der attraktive schwarze Musiker ungewöhnliche Wege. Sein Mentor Kenny Clarke, Hausschlagzeuger in „Minton’s Playhouse“, der Keimzelle des neuen Stils im New Yorker Stadtteil Harlem, lehrte ihn die federnde Akzentuierung des großen Beckens, auf dem er rasende Beats zu den irrwitzigen Saxophonläufen von Charlie Parker prasseln ließ. Trotz des brutalen Tempos, ging er feinsinnig mit seinen Mitteln um.

Das Schlagzeugspiel war bis dahin kreuzbrave Rhythmusarbeit gewesen, mechanisch exakt lieferten die populären Big-Band-Drummer Jo Jones und Gene Krupa ihre vier gleichmäßigen Schläge ab, bevor Max Roach und Art Blakey in kleinen Bands die gesamte Spieltechnik verändern sollten. Im Rückblick eine revolutionäre Tat, deren sich Roach jedoch gar nicht bewusst war: „Wir alle, Bird, Miles und Thelonious Monk waren sehr von den modernen europäischen Komponisten beeinflusst,“ erzählte Roach, „vor allem von Hindemith. Dazu kam, dass sich durch den Krieg viele Big Bands auflösten und für die Betreiber der großen Ballrooms es nicht mehr lohnte, aufgrund der hohen Kriegsbesteuerung größere Ensembles zu verpflichten. Das war unsere Chance. Das musikalische Leben verlagerte sich in kleine Clubs. Und dort konnten nur die besten Musiker, die besten Solisten, bestehen. Es war also ein fast zwingender Prozess, der zum Bebop führte.“

Was zum Teufel ist das, Bebop?

Roachs technische Brillanz war legendär und eine Voraussetzung dafür, dass sich der urbane Sound des Bebop in seiner ganzen rhythmischen Komplexität entfalten konnte. Unter Kollegen galt er als „größter Drummer aller Zeiten“, in Improvisationen verstand er es, den Anschein melodischer Figuren zu erwecken. „Wir kamen eines Nachts von der Bühne, Dizzie Gillespie, ich und die anderen“, berichtete Max Roach über die Geburtsstunde des Bebop. „Jemand fragte uns, welches verrückte Zeug wir da zum Teufel bloß spielen. Und Dizzie antwortete ihm, das sei Bebop, ein Song, den er gerade geschrieben hatte.“

Trotz der langen Zeitspanne, die zwischen den Anfängen vor gut 60 Jahren und den heutigen Spielarten des Jazz liegt, war der Doyen des modernen Schlagzeugspiels bis zuletzt von ungebrochenem Elan. Zunächst war er als Mitglied der Miles-Davis-Band 1949 an den Aufnahmen zu „Birth of the Cool“ beteiligt, wo er das Tempo aus der Musik wieder herausnahm. Wenig später leitete er an der Seite des Trompeters Clifford Brown die Wende zum Hardbop ein. Ihr Quintett führte die harmonischen Errungenschaften des Bebop auf ihre schwarzen Wurzeln zurück. Was Roach nicht hinderte, mit ungeraden Taktmaßen und metrisch einander überkreuzenden Rhythmen zu experimentieren. Während der Beat sich in Andeutungen und Skizzen verflüchtigte, schien Roach ununterbrochen zu improvisieren.

Zeitlebens ließ der geschmackvoll gekleidete, intellektuelle Drummer etwas von jenem kämpferischen Habitus spüren, unter den er seine Arbeit seit den sechziger Jahren zunehmend stellte. So pflegte Roach seinen Protest gegen die Inhaftierung Mandelas bei Konzerten durch ein „Free Mandela“-Stirnband kundzutun. Roachs Hauptaugenmerk neben seinen Solo- und Duoprojekten galt der Kombination von kleiner Combo-Besetzung mit großem Orchester, um das Spannungsverhältnis zwischen improvisierter und auskomponierter Musik immer wieder neu auszuloten. Er blieb ein Abenteurer. Immer war er der erste gewesen – am Mittwoch starb er, als letzter seiner Generation, 83-jährig in New York.

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