Trommler : Trance und Transzendenz

Musik für Gott: ein Besuch bei dem Sufi-Trommler Pappu Sain im pakistanischen Lahore.

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Pakistanischer Star-Trommler kommt nach Berlin
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Der Hof ist dunkel, nur von der Treppe zum Shah-Jamal-Schrein fällt Licht in die Nacht von Lahore. Obwohl die Nächte im Osten Pakistans im März noch verdammt kühl sein können, ist kaum ein Platz frei. Donnerstags ist Festtag, dann spielt Pappu Sain, der Sufi- Musiker mit der großen Trommel vor dem Bauch, es ist ein mystischer Gottesdienst. Als Pappu Sain gerade zwölf war, kam er schon mit seinem Vater, noch heute spielt er praktisch jede Woche hier. Zum Konzert aus Anlass des pakistanischen Nationalfeiertags kommen auch die Sufi-Sängerin Sanam Marvi und Arbab Khan Khoso mit seiner Doppelflöte.

Blutrot leuchtet der große Stein an Pappu Sains linker Hand. Stundenlang bearbeitet er in wechselnden Tempi seine Dhol, die Sufi-Trommel. Dicht an dicht hocken Männer auf dem Boden, auch einige Frauen, nur die Mitte vor Pappu Sain und seinem Kompagnon bleibt frei, frei für die Derwische in langen Gewändern, die sich mit weit ausgebreiteten Armen um die eigene Achse drehen. Es ist ein eingespieltes Ritual, der Dhamaal. Auch Pappu Sain, der Bärtige mit den schweren Ketten um den Hals, spielt wie in Trance, die Locken fliegen, die nackten Füße aber stehen neben seinem Betelpäckchen, als wären sie einbetoniert. Es wird dies und das geraucht, immer wieder branden Stimmen auf, sie rufen ihren Heiligen Qalandar an, Bonbons fliegen in die Menge. Eine italienische Studentin ist selig, sie darf Pappu Sain auf einer kleinen Trommel begleiten.

Mit schmerzenden Fingerkuppen stammelt sie: „Ich lebe schon eine Weile in Pakistan. Ich suche nach Gott.“ Die Botschaft des mystischen Islam handelt von Liebe, Frieden und Toleranz, Den Extremisten, die Pakistan terrorisieren, sind die Sufis suspekt. Immer wieder attackieren sie deren Schreine, längst wird auch derjenige von Shah Jamal bewacht.

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In der Zehn-Millionen-Stadt Lahore ist Pappu Sains Haus in den Gassen um die Shalimagärten nicht einfach zu finden. Ein schmales Haus neben einem Müllplatz, Kinder spielen mit einem Zicklein, ein Junge kriegt vom Vater eine Ohrfeige, weil der Esel den Karren in die falsche Richtung zieht. Pappu Sain, schwere Lederjacke über dem grünen Gewand, blinzelt aus dem Halbdunkel hinaus in die Sonne – der Strom ist abgestellt, wie immer um die Zeit. Direkt hinter der Tür das Wohnzimmer: eine Schlafstatt, ein abgewetztes Sofa, eine Fernsehkommode, in der lauter Schlappen liegen. Stolz bringt Pappu Sain eine Plastiktüte, darin hat er die höchste pakistanische Auszeichnung, die er 2006 für seine Verdienste von Ex-Diktator Pervez Musharraf bekommen hat.

1997 war er schon mal im Haus der Kulturen in Berlin, er holt das Programmheft. Er mag Deutschland, sagt er, da hat er zum ersten Mal außerhalb Pakistans gespielt. Geboren ist er „19irgendwas“, Allah habe ihn fürs Trommeln „ausgesucht: Dhol ist meine Lebensaufgabe“. Die Trommel sage, „bitte komm näher, fühle Liebe und Frieden“. Pappu Sain möchte dieses Bild in die Welt tragen. Die Probleme Pakistans, der Terror, das werde übertrieben: „Alle sollten herkommen, ihnen wird nichts passieren.“ Und: „Fast alles hier ist okay.“ Auch seine Kinder (drei Jungs von sieben bis neun, die Tochter fünf) können schon trommeln. Rasch füllen zwei bauchige Trommeln den Raum, eine schnallt er sich um, die andere bearbeitet einer der Söhne – das kleine Zimmer bebt. Dann blinkert es, Neonlicht erhellt den Raum, der Fernseher geht an. Der Strom ist wieder da.

Auch im Mittelklassehaus von Sängerin Sanam Marvi ist gerade der Strom weg. Ihr Vater, ein bekannter Sufi-Sänger, hat sie als Siebenjährige das erste Mal zum Singen in einen Schrein mitgenommen. Bekannt geworden ist die 27-Jährige vor allem über die Musikserie Coke Studio. „Das können sie auf Youtube sehen“, strahlt sie, ihr Pferdeschwanz wippt. Auf Youtube? Das ist seit dem Mohammed-Video gesperrt. „Für die Künstler ist das sehr schlecht, die Fans können die Videos nicht mehr angucken“, platzt es aus ihr heraus.

Sie übt jeden Tag zwei Stunden, bis zu drei Mal pro Woche tritt sie mit ihren fünf Musikern auf, die sie mit Harmonium, Flöte, Sarangi, Dholak und Tabla begleiten. „Die Poesie, der Gesang, das ist alles rein. Die Sufi-Musik ist die Botschaft von Toleranz und Frieden, niemand ist ein Feind.“ Und sie fügt hinzu: „Wir haben diese Terroristen auch satt. Aber die sind nur eine ganz kleine Gruppe und keine Pakistaner." Sie spricht damit aus, was viele ihrer Landsleute denken.

Urania Berlin, Mittwoch, 27. März, 18.30 Uhr, Eintritt frei. Anmeldung unter sufimusicgermany@gmail.com erbeten.

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