Kultur : Trompete im Erdreich

Zum Beginn der Jüdischen Kulturtage: Erinnerungen eines Überlebenden an die Befreiung / Von Arno Lustiger

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Mein Überleben habe ich amerikanischen Soldaten zu verdanken, die mich Mitte April 1945 in dem Dorf Quenstedt bei Halberstadt halb tot fanden. Ich war in Auschwitz und anderen Konzentrationslagern gewesen, zuletzt in Langenstein, einem Vernichtungslager ohne Gaskammer. Dort mussten wir in einem unterirdischen Tunnel eine Flugzeugfabrik bauen, viele Häftlinge kamen dabei durch Überarbeitung zu Tode. Als sich die amerikanische Armee näherte, wurde der Befehl ausgegeben, anzutreten. Es ging das Gerücht um, dass die SS uns in den Tunnel schicken und ihn dann sprengen wollte. Wir Häftlinge haben uns geweigert, wir meuterten, was erstaunlicherweise ohne Konsequenzen blieb. Stattdessen wurde das ganze Lager, 4000 Leute, auf einen Todesmarsch geschickt.

Wir waren in Kolonnen von 500 Leuten unterwegs, es gab keine Verpflegung, wir waren erschöpft und furchtbar hungrig, viele starben. Es wurde nur nachts marschiert, damit die Bevölkerung nicht diese Skelette in Lumpen sehen musste. Wir schliefen in Scheunen, auf der nassen Wiese, wie es gerade kam. In Quenstedt gelang es mir, zu fliehen und mich in einer Hütte außerhalb des Dorfes zu verstecken. Dort wurde ich am Morgen von zwei alten Volkssturmmännern aufgespürt. Zusammen mit acht andere Kameraden, die sie ebenfalls verhaftet hatten, wollten sie mich zurück zu der Kolonne bringen. Da ich sicher war, dass dies die letzten paar Kilometer sein würden, habe ich mir gesagt: Du musst etwas riskieren. Also bin ich weggelaufen, die Volkssturmmänner haben geschossen, aber mich nicht getroffen. Ich werde nie wissen, ob das schlechte Schützen waren oder gute Menschen.

Dann brach ich zusammen, zum Glück fand mich die Patrouille einer amerikanischen Panzerspitze. Sie brachten mich ins Lazarett und päppelten mich hoch. Als ich wieder auf den Beinen war, wurde ich Army-Dolmetscher. Meine Familie fand ich nach einer langen Odyssee im Spätsommer 1945 in Niederschlesien. Meine Mutter und drei Schwestern hatten überlebt. Mein Vater und mein Bruder waren ermordet worden. Wir stammen aus Bedzin, einer oberschlesischen Industrie- und Garnisonsstadt, dort hatte ich bis zum Kriegsausbruch das Gymnasium besucht. Als ich dorthin zurückkam, wurde ich aufgefordert, zu bleiben. Man suchte gebildete Leute, nur eine Kleinigkeit, teilten mir die Behörden mit, müsste ich machen: Ich müsste meinen Namen ändern, polonisieren. Dem Beamten, der mir das sagte, habe ich entgegnet: Mein Vater, David Lustiger, war mit seinem jüdischen Vor- und Zunamen gewählter Stadtrat, und ich werde einen Teufel tun, ihn zu verleugnen und mich unter einer falschen Identität zu verstecken, als katholischer Pole. An dem Tag haben wir beschlossen, Polen zu verlassen.

Wir wussten, dass es in Deutschland Auffanglager für Überlebende gab, später wurden sie Displaced-Persons-Lager genannt. Es hieß, wer in einem solchen Lager unterkomme, habe die besten Chancen zu emigrieren. Denn eins wollten wir: Diesen verfluchten Kontinent Europa, der uns so viel Schlimmes eingebracht hatte, schleunigst verlassen. Ich hatte schon meine Papiere für Amerika. Doch meine Mutter und Schwestern waren krank, sie hatten in einer Munitionsfabrik, wo sie Zwangsarbeit leisten mussten, giftige Gase eingeatmet. Als die Krankheit ausgeheilt war, sind sie bei einer medizinischen Untersuchung einer Einwanderungskommission durchgefallen, weil auf dem Röntgenbild noch die Spuren der Erkrankung zu sehen waren. Deshalb blieben wir in Deutschland, wir sind hängen geblieben. Die Amerikaner brachten uns in einem Lager in Zeilsheim, einem Frankfurter Vorort, unter.

Das Kriegsende war für mich aus Euphorie und Trauer gemischt. Mit meiner amerikanischen Einheit war ich nach meiner Befreiung in Hettstedt östlich des Harz gelandet. Am 8. Mai 1945, dem Tag der Kapitulation, haben wir gefeiert und uns fürchterlich betrunken. In den Wochen und Monaten, die danach vergingen, traf ich keinen einzigen jüdischen Überlebenden. Deshalb habe ich lange Zeit geglaubt, der einzige Jude zu sein, der noch am Leben ist. Doch dann zogen die Amerikaner aus Ostdeutschland ab, wir kamen nach Northeim bei Göttingen. Da fuhr eines Tages wieder die erste Eisenbahn und in ihr traf ich einige junge Juden. Es waren Überlebende aus Bergen-Belsen. Dort hatte eine fürchterliche Typhusepidemie gewütet, auch nach der Befreiung waren noch viele Häftlinge gestorben. Das Sterben ging auch nach dem 8. Mai weiter, viele Opfer der Todesmärsche waren so entkräftet, dass sie nicht mehr zu retten waren. Die alliierten Soldaten haben ihnen aus Mitleid Fleischkonserven, Schokolade gegeben, das war oft tödlich. Ich hatte das Glück, dass in dem Lazarett, in das ich kam, ein Arzt aus New York war, der mich auf strenge Diät setzte. Ich wog keine 40 Kilo mehr, war ein Skelett, aber offenbar habe ich gute Gene.

Der Jazz war für mich die Musik der Freiheit. Im Radio, beim US-Armeesender AFN, lief Bigbandjazz, das hat jeder Soldat gehört. Mein Favorit war Glenn Miller, seine Schlager „In The Mood“, „Chatanooga Choo Cho“ und „Sentimental Journey“ liebe ich bis heute. Als dann die Auffanglager eingerichtet wurden, gab es auch erste Tanzveranstaltungen mit Live-Musik. Dabei waren die Happy Boys eine ganz besondere Truppe, gegründet von Jack Eisner und anderen jüdischen Überlebenden aus einer Musikerfamilie aus Lodz. Sie hatten vor ihrer Deportation ihre Instrumente vergraben, auf dem Hof des Hauses, in dem sie wohnten. Nur unter abenteuerlichsten Umständen und mit Hilfe eines Polizisten jüdischer Abstammung ist es ihnen gelungen, sie zurückzubekommen und damit nach Deutschland zu gelangen. Sie haben dann für die Amerikaner und für Displaced Persons gespielt. Leider habe ich sie nie spielen sehen, als sie nach Frankfurt kamen, war ich gerade unterwegs. Aber Jack Eisner, der später nach Amerika auswanderte, habe ich getroffen, 1994 bei einer Shoah-Gedenkfeier im Vatikan, zu der Papst Johannes Paul II. eingeladen hatte. Leider lebt er inzwischen nicht mehr.

Die Nachkriegszeit war eine Zeit des Schweigens. Keinem Deutschen war es angenehm, mit der Verantwortung für die NS-Verbrechen zu leben. Das beste Rezept dafür war Stille. Aber auch wir Überlebenden haben geschwiegen, ich habe jahrzehntelang geschwiegen. Ich habe sogar meine Kinder belogen und ihnen gesagt, die Gefangenennummer aus Auschwitz, die auf meinen Arm tätowiert ist, sei eine Telefonnummer. Ich habe gedacht: Ist es nicht genug, dass die Nazis meine Kindheit und Jugend zerstört haben, muss ich meinen Kindern das auch antun, indem ich ihnen die Gräuel erzähle?

1985, zum 40. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, wurde in Frankfurt ein Schweigemarsch veranstaltet. Ich wurde eingeladen, an der Endstation, dem alten jüdischen Friedhof, eine kleine Rede zu halten. Ich habe ein Gedicht von Hans Sahl zitiert: „Fragt uns aus – wir sind die Letzten.“ Das verstanden dann auch meine Kinder als Aufforderung. Seitdem habe ich nicht mehr aufgehört, über die Shoah zu forschen, zu schreiben und zu reden.

Die Jüdischen Kulturtage werden heute um 19 Uhr mit einem Konzert der Berliner Symphoniker im Festivalzelt im Innenhof der Neuen Synagoge eröffnet, Oranienburger Straße 28–30. Am Mittwoch berichtet Arno Lustiger dort „Über das Schicksal junger, jüdischer Shoah-Überlebender nach 1945“, eine Swingband spielt die Musik der „Happy Boys“, 19.30 Uhr.

Arno Lustiger , 82, ist Historiker und Publizist. In Büchern wie „Shalom Libertad“ (1989) und „Zum Kampf auf Leben und Tod“ (94) hat er sich mit dem jüdischen Widerstand beschäftigt.

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