Kultur : Tropfen auf der Motorhaube

Tanz im August: Das Künstlerkollektiv „Superamas“ spielt mit Animationen

Franz Anton Cramer

Das französische Künstlerkollektiv „Superamas“, das mit einer umfänglichen Werkschau das Podewil und das Dock 11 bespielte, hatte man als „Entdeckung“ angekündigt und daher ihren bunten Abend „Game Boys“ mit Installationen, Szenen und Aufführungen ins Eröffnungswochende des Internationalen Tanzfests programmiert. Im Universum des 1999 gegründeten Kollektivs geht es um mediale Manipulation von Bildern und Wahrnehmung. „Thank God, Pam you know...“ zeigt vier Fotos eines Latex-Playmates, das sich am Motor eines Autos zu schaffen macht und dabei gewinnend in die Kamera lächelt. Ganz klar: Es gilt, den pornographischen Blick zu entlarven, der immer auf kalkulierte Effekte hereinfällt.

„BILLY, BILLY“ schneidet trashige Filmszenen mit nachgestellten Szenen aus einer WG zusammen. Wir sollen etwas lernen über die Austauschbarkeit der Posen und Bildstrukturen. Ist das Dokumentarische wahrer als die gestellten Szenen der Filmwirklichkeit oder ist nicht durch die mediale Aufbereitung alles schon „falsch“?

„Truck Station“ präsentiert Bilder und Erlebnisse aus dem Kopf eines LKW-Fahrers, gebannt auf Monitore, welche man im Fenster des Führerhäuschens einer Zugmaschine betrachtet. Digitale Kompositionen verbinden sich mit vorübergleitenden Landschaften, man hört Nachrichtensendungen, Hupen und sieht die Autos Blinker setzen; eine leicht bekleidete Dame erscheint, der Monitor wird flugs seine eigene Werbefläche: „Meet Yalda“, fordert er auf. Aber die bleibt natürlich (bis auf weiteres) im Bild gebannt. Als Wesen aus Fleisch und Blut wird man ihr erst später begegnen, im Dock 11, als Teil der Show „BIG, 1st Episode“. Aber da ist sie auch bloß großbusiges, leicht bekleidetes Animierobjekt. Wahrscheinlich animiert sie sich sogar selbst.

Hohle Animation ist bei den Superamas Leitmotiv eines enormen technischen Produktionsaufwands geworden, der alle Bedeutungen an sich abgleiten lässt wie Wassertropfen auf einer frisch gewachsten Motorhaube. Weswegen die abschließende Performance „BIG, 1st Episode“ denn auch im Grunde nicht anderes ist als ein einstündiges Verkaufsgespräch für einen chromglänzenden 4-Wheel-Drive von Nissan. Ein bisschen Männerkumpanei, Fernsehfußball, Bier, Bunnys, dazu das unvermeidliche Rankenwerk wohlfeiler Konsum- und Medienkritik. Alles wird ausgiebig wiederholt, Dialoge mal selbst gesprochen, mal gedoubelt, mal aus dem Off zugespielt. Zu sagen hat niemand etwas. Die dämlichen Oberflächen, denen die hedonistisch seufzende Kunstpraxis wohl mit diffus subversiver Haltung gelten soll, werden einfach nur wiederholt. Damit ist noch längst keine kritische Analyse geleistet.

Um was aber sollte es sonst gehen im Kampf gegen die Dämlichkeit einer Gesellschaft des Spektakels? Der italienische Philosoph Giorgio Agamben sagt: „Nur der Mensch will die eigene Erscheinung begreifen. (...) Darum wird die Erscheinung der Ort eines Kampfes um die Wahrheit.“ Davon gibt es bei Superamas weit und breit kein bisschen zu sehen. Sie haben nur ein Schaufenster dekoriert. Sonst nichts.

Noch einmal heute, 20 Uhr, Podewil

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