Kultur : Tropischer Impressionismus

KATRIN BETTINA MÜLLER

Man glaubt, den Wind am Gipfel des Vulkans Colima pfeifen zu hören, den Johann Moritz Rugendas auf seiner Reise durch Mexiko (1831 - 1834) malte.Die menschenfeindliche Kargheit erstarrter Lavahänge, rauchende Krater, charaktervolle Bäume, Wolkenmeere zwischen Bergketten, jähe Einschnitte tiefer Canyons und die trockene Hitze über sandigen Ebenen: All das schlägt uns aus den kleinen Ölskizzen entgegen, für die Rugendas Farben und Karton ins Gebirge und über alte Paßstraßen mitschleppte.

15 000 Fuß hoch war er gestiegen, um mit breiten, bewegten Pinselstrichen zu schildern, wie der eisige Gipfel des Popocatepetl das letzte Licht des Tages in der hereinbrechenden Dunkelheit zu speichern scheint.Nur wenige Berichte von Forschungs-Reisenden - etwa die seines Förderers Alexander von Humboldt -, wiesen Rugendas den Weg.

Für den Künstler war das eine doppelte Herausforderung: Es gab keine malerischen Vorbilder für die Interpretation der Landschaften Mexikos und Südamerikas.Rugendas stellte sich ihnen, frei von kompositorischen Zwängen.Er verzichtete auf akademische Gliederung und auf die Ausgewogenheit der klassischen Ideallandschaft und Staffage.Mit fast impressionistischen Vorgriff ließ er sich auf die Wirkungen des Lichts und des Klimas ein.Das Augenblickliche einer unkalkulierbaren Natur schlug ihn in seinen Bann.

Was in Europa die malerische Avantgarde von Corot bis Turner in Opposition zu akademischen Traditionen wagte, entwickelte Rugendas auf der anderen Seite der Welt, ohne den Kontext der Kunstszene, als einzig angemessene Reaktion auf die überwältigende Wirklichkeit vor seinen Augen.Darin liegt die Sensation dieses Malers.

Zu bewundern ist auch sein unternehmerischer Mut.Er stammte aus einer Künstlerfamilie, die im siebzehnten Jahrhundert von Spanien nach Bayern ausgewandert war.1821, mit neunzehn Jahren, startete er seine erste Tropenreise nach Brasilien, als Illustrator einer Forschungs-Expedition engagiert.Seine Mexiko-Reise hingegen unternahm er auf eigene Faust, finanziert über Portraitaufträge und Bildverkäufe, die ihm Humboldt und Schinkel vermittelten.Sein größter Traum, die Herausgabe eines ausführlichen Werks über Mexiko dagegen, ließ sich nie realisieren.Als er 1847, nachdem er fast zwanzig Jahren in Mexico, Chile und Argentinien gearbeitet hatte, nach Deutschland zurückkehrte, sah er sich mit einem unvorhersehbaren Problem konfrontiert: Die Umarbeitung der vor der Natur entstandenen Skizzen in große Salonbilder, um wie andere Tropenmaler die eingesammelte Beute auszuwerten und zu vermarkten, gelang ihm nicht.

Schon 1843 hatte er 200 Farbskizzen an die königlichen Museen zu Berlin verkauft, Grundstock der Ausstellung in den Römischen Bädern in Potsdam.Doch nach seinem Tod blieb Rugendas lange vergessen.Nicht die Kunstgeschichte entdeckte ihn wieder, sondern die Humboldt-Forschung.Noch heute wird für den unbekannten Rugendas als ein "Maler aus dem Umkreis von Alexander von Humboldt" geworben.1976 schrieb Renate Löschner ihre Dissertation über ihn und sie blieb die Autorin aller Kataloge, die das Ibero-Amerikanische Institut herausgeben hat.Eine Ausstellung in der Staatsbibliothek liegt über 10 Jahre zurück, inzwischen wurde Rugendas in Mexiko-City, Gotha, Dresden und Bonn vorgestellt.1991 konnte der Berliner Bestand um 32 Bilder ergänzt werden, die seit dem 2.Weltkrieg als verschollen galten und nun vom Grassi-Museum Leipzig an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz zurückgegeben wurden.

Potsdam, Sanssouci, Römische Bäder

bis 15.Oktober.Katalog 20 DM.

0 Kommentare

Neuester Kommentar