Kultur : Trost ist nur eine Formel

„Lazarus“ im Theater an der Wien: Claus Guth rehabilitiert Franz Schubert als Musikdramatiker.

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Töne im Terminal. Guth siedelt Schuberts Oratorium-Fragment in der Wartehalle eines Flughafens an. Foto: Monika Rittershaus
Töne im Terminal. Guth siedelt Schuberts Oratorium-Fragment in der Wartehalle eines Flughafens an. Foto: Monika Rittershaus

An der Spree hätte das erst einmal einen Lacher gesetzt: Starregisseur Claus Guth wählt als Raum, in dem sich Sterben, Begräbnis und Auferstehung des Lazarus begeben sollen, ausgerechnet ein hochmodernes Flughafenterminal. Wartebänke, Check-In-Schalter und eine weite Treppe, die wohl zu den Flugsteigen führt, strahlen hell, ohne erkennbare Spuren der Abnutzung, wie ein gewaltiges Architekturmodell. Darin steht im sandfarbenen Sommeranzug ein Mann mittleren Alters mit hohen Schläfen, in der einen Hand ein Flugticket, in der anderen den überformatigen Umschlag mit den Röntgenbildern. Bleich greift er sich an die Brust.

Das Theater an der Wien ist der Ort, an dem sie gelingen könnte, die Rehabilitierung von Franz Schubert als Bühnenkomponist. Hier erlebten zwei seiner Opern ihre Uraufführung noch zu Lebzeiten des Komponisten, und 1988 hielt Claudio Abbado mit „Fierrabras“ ein feuriges Plädoyer für den Musikdramatiker Schubert. Claus Guth und sein bewährtes Team, allen voran Bühnenbildner Christian Schmidt, soufflierten im Theater an der Wien vor vier Jahren Händels „Messiah“ eine Handlung, die in den Allzweckräumen unseres Lebens bewegend von Einsamkeit und Schuld, Tod und Hoffnung erzählte.

Mit „Lazarus“, dem Fragment von Schuberts einzigem Oratorium, spinnt Guth diesen Faden weiter. Das Programmheft versammelt dazu aktuelle Texte vom Scheiden, zitiert Christoph Schlingensief und natürlich den kürzlich verstorbenen Wolfgang Herrndorf: „Gib mir ein Jahr, Herrgott, an den ich nicht glaube, und ich werde fertig mit allem. (geweint)“ Man wird diesen Satz noch oft lesen und nie ohne innere Bewegung. Schubert ist nicht fertig geworden mit seinem „Lazarus“, die erlösenden Worte „Lazarus, komm heraus“ hat er nicht in Töne gesetzt. Seine Vertonung bricht mitten in der zweiten Handlung ab, der Beerdigung, an jener Stelle, als Lazarus’ verzweifelte Schwester Martha dem toten Bruder folgen, auch zu Staub werden will.

Übertritt Jesus die Gesetze des Lebens, als er den schon riechenden Lazarus von den Toten scheidet und wieder auf der Erde wandeln lässt? Seine ungeheuerliche Tat jedenfalls bleibt nicht folgenlos: Aus ihr nährt sich die Anklage, die Jesus in einen Schauprozess führt, mit bekanntem Ausgang. Hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel. Schubert komponiert das alles nicht, der musikalische Faden seines Oratoriums reißt im Moment des größten Mitgefühls, des Mitleidens.

Immer wieder hat man Schubert vorgeworfen, über keinerlei Theatertalent zu verfügen. Ein Vorbehalt, der, schaut man sich die raffinierten Miniaturdramen seiner Lieder, die Bögen seiner großen Zyklen genau an, ins Leere wandern muss. Auch im „Lazarus“ steckt weit mehr als sanftes Klarinettenschaukeln und Geigenwiegen. In der Klage, im vollends Menschsein der Sterbenden, in der Verzweiflung vor dem ebenso Unfassbaren wie Unabänderlichen hat er alle Töne, die es braucht. Es ist der Trost, der formelhaft bleibt.

Um diesen Riss auch hörbar zu machen, bräuchte es einen Dirigenten mit besonderem rhetorischem Gespür. Michael Boder, viel beschäftigter Musikchef in Barcelona und Kopenhagen, bringt es nicht mit ans Pult der Wiener Symphoniker. Das Ergebnis bleibt ein Accompagnato zweiter Klasse. Zulasten der Sänger, die durchweg szenisch stärker ins Spiel kommen als vokal. Kurt Streits Lazarus ist vor der Zeit zu viel Vitalität aus der Stimme gewichen, Annette Dasch als Schwester Maria klang selten so blass, Stephanie Houtzeels Schwester Martha flüchtet in Spitziges. Einzig Cigdem Soyarslan (Jemina) und Florian Boesch (Simon) sind Reisende mit festem Stimmsitz.

Gewogen und musikalisch für zu leicht befunden – wäre da nicht dieser herrliche Kniff. Auf Schuberts letzten Takt folgt übergangslos Charles Ives’ „The Unanswered Question“, diese schwebende Frage nach den letzten Dingen, die nie beantwortet wird. Der Abend löst sich mit ihr vom Boden. Plötzlich irrlichtern Schubert-Chöre durchs Terminal, darunter „Dreifach ist der Schritt der Zeit“ und letzten Endes das „Sanctus“ aus der Messe in Es-Dur; schließlich sind die Fluggäste der wunderbare Arnold- Schönberg-Chor. In der Schlange vorm Check-In scheidet sich „heilig“ endgültig von „eilig“.

Claus Guths heißes Bemühen um die Auferstehung von Schuberts „Lazarus“ goutiert man in Wien nur mit zusammengepressten Lippen. Hier liebt man traditionell die „scheene Leich“, die sich widerstandslos und mit Pomp auf den Zentralfriedhof bugsieren lässt, der größten Stadt der Toten in Europa. Aus dramaturgischen Gründen sind dabei weder der Vorgang des Sterbens noch die Auferstehung von Bedeutung. Die scheene Leich gehört allen, das Sterben hingegen ist ein privater, auch unappetitlicher Akt, während die Auferstehung des Fleisches zu jenen Mysterien gehört, an die sich nach einer Mehlspeis’ niemand mehr erinnern mag. Wie Guth, dass uns jemand daran erinnert: Wir halten alle schon unser Ticket in Händen.

Weitere Vorstellungen am 18., 20. und 23.12., Infos unter www.theater-wien.at

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