Kultur : Trutzburg gegen Tristesse

JOHANN REIDEMEISTER

Ist es möglich, große Architektur in einem Stadtraum zu plazieren, in dem Trinkhallenschilder halbe Hähnchen für 3,30 Mark feilbieten? Wo andere vielleicht abgelehnt hätten, hat Architekt Mario Botta beherzt zugegriffen und der Stadt Dortmund in exponierter Lage ein neues Haus für die Stadt- und Landesbibliothek geschenkt. Vom lieblichen Lugano aus, wo er seit dreißig Jahren sein eigenes Büro leitet, sich in ein architektonisches Umfeld zu reflektieren, das von Industrialisierung, Kriegszerstörung und wirtschaftlichem Niedergang gezeichnet ist, scheint eine kaum zu bewältigende Aufgabe.

Und dennoch ist Botta dafür genau der richtige Mann. Denn nach seiner Überzeugung gibt es keine architektonische Idealität. Die Arbeit des Architekten kann er sich abgekoppelt von den Realitäten nicht vorstellen, sondern sieht sie immer "in Relation zu den vorgefundenen Gegebenheiten". Er fühlt sich herausgefordert, wo andere um ihre Gestaltungsfreiheit fürchten: "Es sind gerade die Einschränkungen, die die Kreativität positiv beeinflussen", und scheut sich nicht, mit dem Satz "Ohne Einschränkung ist die Kreativität behindert", deutlich Stellung zu beziehen.

Der Beschränkungen sind viele in Dortmund: Da ist der Bahnhof aus den Jahren 1951/52, nicht mehr als ein funktionales Verkehrskreuz aus 2,50 Meter hoher Fußgängerunterführung und nur knapp überdachten Gleisanlagen. Das Hardenberg City-Center ragt mit seinen 70 Metern am weitesten in den Dortmunder Himmel. Seine Fünfziger-Jahre-Schlichtheit entstand vor gerade einmal fünf Jahren, wie auch der kleinere Vorbau, der dynamisch in den Stadtraum schneidet. Und natürlich darf das Wahrzeichen der Stadt nicht vergessen werden: Die Union-Brauerei, der martialische Backsteinbunker mit seiner quadratischen Betonkrone.

Der genius loci ist also wie geschaffen, bei Botta die höchsten Kreativkräfte freizusetzen, befindet sich doch der Baugrund für die neue Bibliothek inmitten dieser Häßlichkeiten. Gegenüber dem Hauptbahnhof gelegen, wird er begrenzt durch eine mehrspurige Hauptverkehrsachse, einen steinernen Verwaltungsbau der dreißiger Jahre und diezentrale Fußgängerzone. Auf diese Gegebenheiten antwortet der Schweizer Architekt mit einem Arrangement aus Halbkreis und langgestrecktem Rechteck. Die durch das Grundstück verlaufende Stadtkante zu betonen, war stadtplanerische Auflage. Botta erfüllt sie, indem er die Stadtkante mit seinem Bau nachzog und eine Gasse parallel zu ihr durch das Gebäude legte. Zugleich hat er den offenen Raum gegenüber dem Bahnhof neu definiert. Für ihn selbst ein absolutes Novum, hat sich Botta hier für eine reine Glasarchitektur entschieden, mit der sich der Kontrast zur Hermetik des Steinriegels am transparentesten herausarbeiten ließ. Getragen ist die Konzeption ganz wesentlich von dem ambivalenten Gegenüber dieser zwei Baukörper. Die eigene Kultur und Biographie hat Botta seinen Werken immer mitgegeben, hat sie ihre Tessiner Herkunft nie verschweigen lassen. Nicht von ungefähr bietet seine Dortmunder Bibliothek also das Bild einer romanischen Burg in all ihrer Massivität und Wehrhaftigkeit.

Der Fassadenkünstler Botta hat sich auch für die Emschermetropole etwas besonderes einfallen lassen: Das Bibliotheks-Hauptgebäude leuchtet in rosafarbenem Quarzit. Mal uni, mal gestreift oder auch getupft brechen die einzelnen Steinplatten das Großvolumen optisch auf. Zusätzlich wechseln sich Bänder unterschiedlicher Plattenformate und Anbringung ab. Lebendig wird die steinerne Fassade vor allem durch das Spiel mit Gegensatzpaaren, dem eigentlichen Markenzeichen des Baus. Die Unruhe der Platten in Strukturierung und Format wird konterkariert durch die Behäbigkeit des Steins selbst. Feine vertikale Einschnitte unterbrechen die Kontinuität der Fassade, um zugleich in ihrer soldatischen Reihung zu ihr beizutragen.

Weithin ausstrahlendes Zeichen ist der Lesesaal, der sich im Halbrund über eine Stahl-Glas-Konstruktion öffnet. Imposant überbrückt seine Trägerkonstruktion aus geneigten und im Zickzack angeordneten Stahlröhren drei Geschosse. Beeindruckend ist auch die Durchgestaltung der Innenräume. Wie von Botta nicht anders zu erwarten, hat er das Design aller technischen Elemente wie Regale und Geländer selbst entwickelt. Herausragendes Beispiel ist die Lampe, die in dichter Reihung die freischwebende Kante des dritten Geschosses in eine Promenade mit Ausblick auf Stadt und Stahlkonstruktion verwandelt. Zusammen mit der gläsernen Haut trägt sie zu einem besonderen Effekt bei. Während am Tag das Licht von außen den Leser beleuchtet, erhellt es in der Nacht den Stadtraum: Ein neues Wahrzeichen für ein immer noch altes Dortmund !

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