Tschaikowskys Manfred-Sinfonie bei den Philharmonikern : Das Herz, diese Mördergrube

Hilary Hahn bezaubert mit Villeneuve und dann, was für ein Werk: Tugan Sokhiev und die Berliner Philharmoniker präsentieren Tschaikowskys Manfred-Sinfonie wie einen schwarzen Monolithen - und verändern den Schluss.

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Der Chef des Deutschen Sinfonie Orchesters, Tugan Sokhiev, zu Gast bei den Berliner Philharmonikern.
Der Chef des Deutschen Sinfonie Orchesters, Tugan Sokhiev, zu Gast bei den Berliner Philharmonikern.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Was für ein Werk, die Manfred-Sinfonie von Tschaikowsky! Ein Manifest der Vergeblichkeiten, nach dem dramatischen Versgedicht von Lord Byron, eine einzige Vertonung des Aufbäumens, des Trotzes, der Verzweiflung. Weil das 60-Minuten- Stück buchstäblich abgrundtief mit Fagotten und Bassklarinette beginnt, ist gleich klar: Hier sieht einer vor lauter Düsternis keinen Horizont mehr und macht aus seinem Herzen eine Mördergrube. Weil alles andere ihm verwehrt bleibt.

Ständig heben Heldenmelodien an , frei nach Berlioz’ idée fixe – und führen zu nichts. Immer wieder versuchen sich die Streicher in süßen Kantilenen, stimmen im Pastorale-Ton das Lied von der Liebe und der bedingungslosen Hingabe an – vergebens auch das. Jede Sehnsucht sieht sich getäuscht, jeder Überschwang erstirbt, verliert sich im Nichts.

Ein schwarz glänzender Monolith im Oeuvre Tschaikowskys

Ungeheuer modern ist die Sinfonie auch: Drei von vier Sätzen enden leise. Schade, dass Tugan Sokhiev und die Berliner Philharmoniker sich für das recht brave Violinkonzert Nr. 4 d-Moll des Tschaikowsky-Zeitgenossen Henri Vieuxtemps als erstes Stück des Abends entschieden haben. Auch wenn die makellos und vollendet anmutig musizierende Hilary Hahn das Publikum für sich zu gewinnen weiß (spätestens mit der Bach-Solo-Zugabe!). Ein Werk von Boulez, Ligeti oder Philip Glass auf dem Programm hätte jedoch die Nähe der Manfred-Sinfonie von 1885 zu den Neutönern, ja zur Minimal Music des 20. Jahrhunderts offenbaren können.

Allein der Collage-Charakter der Sinfonie, die Eruptionen und brutalen Stimmungswechsel. Oder das verwegene Schlagwerk, das mit ganz großem Tamtam vom Tod des Byronschen Helden kündet. Oder die wuchtigen Schwerthiebe der Akkordrepetitionen, die beharrlichen Wiederholungen der rhetorisch eingängigen Motive, manchmal nur eines einzigen Tons. Ständig werden sie synkopisch verstört, rhythmisch variiert, augmentiert oder im Tempo gesteigert - und wie gesagt, immer ohne Erfolg, gleichsam das Ziel verfehlend. So entsteht ein ungemein expressiver Duktus, der zugleich zur Abstraktion tendiert. Die Manfred-Sinfonie ist ein schwarz glänzender Monolith im Oeuvre Tschaikowskys.

Demonstration des bedrängten Selbst

Der biografische Hintergrund ist bekannt. Der Komponist war homosexuell, er muss sich heillos bedrängt gefühlt haben, nannte die Sinfonie erst seine beste, später fand er sie abstoßend. Wenn es im zweiten Satz nach Kräften spukt, wenn das Raunen der Gerüchte zur Heimsuchung mutiert, sind die Feinmechanik des Mobbings und die Grobmotorik des Spießrutenlaufs deutlich zu hören. Dafür sorgt nicht zuletzt Tugan Sokhiev. Der DSO-Chef entfesselt beim Gastauftritt mit den Philharmonikern Tschaikowskys Dämonen. Dennoch sorgt er noch im wüstesten Höllenlärm für klare Konturen, geht hellsichtig, analytisch zu Werke. Und beschert dem Publikum im finalen

Allegro con fuoco eine dicke Überraschung. Nicht die Orgel ertönt, wie in der Partitur vorgegeben, auch nicht der leise ausschwingende Schluss, sondern das anmontierte apotheotische Ende des Kopfsatzes. Sokhiev ist nicht der Erste, der sich diese Freiheit nimmt, eine kühne Streichung inklusive. Jewgenij Swetlanow etwa tat 1989 in der Philharmonie das Gleiche. Aber warum nur? Ist Tschaikowskys schmerzhafte Ehrlichkeit, ist die Stille nach dem Tod nicht zu ertragen? Die Entscheidung für das geänderte Finale war, so ist zu erfahren, kurzfristig in der Generalprobe gefallen.

Wieder am Samstag, 31. Mai.

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