Tschechows Möwe : Mutter Blamage

Katharina Thalbach spielt Tschechow in Potsdam. Nicht perfekt - eher in Schieflage - scheint sie dabei geraten. Überhaupt wirken die Schauspieler als seien sie das Problem der Inszenierung.

Peter von Becker

Wer Anton Tschechows „Möwe“ bisher nie gesehen oder gar gelesen hat, erlebt im Hans-Otto-Theater in Potsdam eine gewiss ansehnliche Aufführung. So weit scheint ja alles klar: Kostja, ein junger Mann, kommender Dichter und Sohn der in der russischen Provinz weltberühmten Schauspielerin Arkadina, bei der es nach Moskau nicht ganz gereicht hat (dafür bejubelt in Charkow), er träumt von einem ganz neuen, anderen, übermenschlich übersinnlichen Theater. Seine Freundin Nina, das hübsche Landmädchen von nebenan, träumt gleichfalls von der Kunst und spielt im Garten des Landhauses der Arkadina die Soloheldin in Kostjas erstem, stark überspanntem Stück. Doch die Liebhaberaufführung verendet lieblos, im mütterlich grausamen Spott.

Nina, der Kostja als Verlegenheitsgeschenk eine Möwe schießt, begehrt nicht den jungen Schwärmer, vielmehr den erfolgreichen Romancier Trigorin: den von Kostja gehassten, beneideten Liebhaber seiner Mutter. Das alles geht natur- und kunstgemäß nicht gut; wo Möwen, Träume und Lieben im Flug verenden, da stürzen auch Menschen und fällt am Ende ein zweiter tödlicher Schuss.

Das alles erzählt der im neuen Theater am Potsdamer Wasser sehr erfolgreiche Intendant Uwe Eric Laufenberg in seiner Tschechow-Inszenierung recht getreulich nach. Mit Auf- und Abtritten in und aus dem Zuschauerraum, mit offenen Türen, Saallicht und Ansprachen ins Parkett versucht Laufenberg immer wieder, das Publikum einzubeziehen. Kostjas Bemühungen um ein neues, anderes Theater erscheinen da nicht mehr als ärmlicher kleiner Budenzauber, sondern das Stadttheater orgelt plötzlich mit Bühnennebel, hochfahrenden Kulissen, Wasserspielen und Lichteffekten, was im Sinne des Stücks eigentlich ganz widersinnig ist. Was aber mit den höhnischen Reaktionen der Profi-Primadonna Arkadina auch wie ein parodistischer Kommentar zu den jüngsten Debatten um altes oder neues „Regietheater“ wirken mag.

Doch das bleibt an der Oberfläche. In der nun gut 100-jährigen „Möwe“ ist die Handlung nur der Rahmen für das komplexere Inbild: für das Psychogramm hier der unterschiedlichen, in Tschechows eigener Seele heimatlos hausenden Künstlertypen. Das Inbild von Menschenfeinden und Menschheitsbeglückern, von Träumern, Trinkern, Egomanen, Einzelgängern, Erfolgssüchtigen, Romantikern, Kaltblütlern. Die jungen Spieler in Potsdam, Ulla Schlegelberger als Nina und der anfangs schlingensiefisch strubbelköpfige Markus Reymann als Kostja, zeigen davon eine Ahnung. Sie werden hierbei nur zu oft noch in gestischen Überdruck getrieben. Die ganze Aufführung könnte da einige energische Dämpfer vertragen.

Neben dem für drei von vier Akten eher hinderlichen Wasser-Bühnenbild von Christoph Schubinger sind indes die Protagonisten das Problem. Michael Scherff findet kaum Zwischentöne, keine Nuancierung für den vom eigenen Erfolg gleichermaßen angezogenen wie angewiderten Schriftsteller Trigorin. Auch Melancholie kennt er nie. Und die kleine große, sonst immer wunderbare Katharina Thalbach hat weder die Eleganz noch die unschuldig schuldige Grausamkeit der Arkadina.Vielleicht eine Mutter Blamage, aber keine Madame Outrage. Frisur und Maske erinnern wohl an die biestig glamouröse Bette Davis; doch sie führt in all ihren ständig wechselnden Garderoben zu viel statiöse Distanz mit, um das fragil naive Gemisch aus Sentimentalität und Schläue, Tragik, Kitsch und Kälte einer Diva auf dem Lebensboulevard der Dämmerung zu verkörpern.

Wieder am 4. und 16. November.

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