Kultur : Tschüß, Weltgetümmel!

MANUEL BRUG

Viele Wege führen zu "Tristan und Isolde" - besonders die konträren.So hatte doch tags zuvor Nike Wagner im überfüllten Münchner Cuvilliés-Theater über das unfaßliche, kaum auslotbare Werk ihres Urgroßvaters gesprochen, unter Hinzuziehung so prominenter Zeugen wie Mann, Bloch, Blumenberg und Proust: über das mythische Todesmusikdrama, das alles andere als Liebesgeschichte sei, dafür Drama der Regression, Dokument einer Sehnsucht nach dem Zustand vor der Geburt, hin zum flüssigen Medium "intramariner" Lebensbedingungen, zu dem der Verklärungsschluß führt.

Diesmal: Prinzip Hoffnung

Am nächsten Tag freilich führt uns am Nationaltheater Peter Konwitschny das Gegenteil vor.Es ist - 133 Jahre später - die neuneinhalbte Neuinszenierung (zählt man die von August Everding zur Neueröffnung des Prinzregententheaters mit) dieser "Handlung" ohne Handlung am Uraufführungsort.Und ihr Regisseur, seit seinem Münchner "Parsifal", dem Dresdner "Tannhäuser" und dem Hamburger "Lohengrin" einer der originellsten szenischen Wagner-Deuter, er postuliert: "Tristan und Isolde sind gestorben; aber sie sind nicht tot." Also sieht man Tristan, der eigentlich schon vor Isoldes Ankunft auf Burg Kareol sein Leben ausgehaucht hat, nachdem er in einem kahlen Gelaß stumpf auf Dias wie auf Illusionen von ihr gestarrt hat, sich plötzlich erheben, zu ihr hinwandeln.Dann treten die beiden in neutralen schwarzen Gewändern aus der Oper heraus, verlassen den schwarz umrandeten Bühnenrahmen, in dem sich das ganze Geschehen wie in einem Guckkasten ereignet hat, und schauen zu, wie oben Brangäne und König Marke seinen Harnisch und ihren Brautschleier zwischen lauter Leichen aufsammeln.Schließlich schließen sie die dem Nationaltheater-Vorhang nachgebildeten Draperien.Und tschüß, Weltgetümmel!

Siegfried Jerusalem sitzt sinnend da (oder nur schwächelnd, nachdem er den dritten Akt irgendwie unter Weglassung mindestens der Häfte aller Noten gestemmt und herausgespien hat), hört der formidablen Waltraud Meier zu, die ihr "Mild und leise" in den Saal jubelt (und dennoch später Buhs abfangen muß), gesammelt hochgereckt, ekstatisch und kontrolliert.Man möchte ihn festhalten, diesen Moment, wenn sie nach fünf Stunden unerhörtesten Musikbades ganz prosaisch mit ihrem wiedergefundenen Tristan davonläuft - in eine andere Welt? Peter Konwitschny, der jenseits aller Übergröße und philosophischen Versenkung einfach eine glückliche, hoffnungsvolle Liebesgeschichte erzählen will, bejaht das: "Der Tod von Tristan ist kein wirklicher Tod, er ist ein Tod im Sinne der Voraussetzung eines neuen Anbeginns." Bloch anders."Tristan und Isolde" nicht nur als "tiefste Musik der Nacht", sondern als "Prinzip Hoffnung".

Zumal Zubin Metha, der mit dieser Premiere seinen Einstand als bayerischer Generalmusikdirektor gibt, die Partitur ähnlich dirigiert: mit einem guten Ende rechnend, heftig positivistisch aufglänzend, kompakt, oft laut, gesund, das chromatisch sehrende Rankenwerk meidend, den Holzbläsern jeden Anflug von Melancholie verbietend.Das gleißt und kracht, manchmal tönt Wagner beinahe wie Korngold, auch weil das Staatsorchester sein Copyright klanglich so nachdrücklich unterstreicht.

Tristan und Isolde sterben drei Tode - und dennoch leben sie weiter.Im ersten Akt führt uns Johannes Leiacker das Schiff, das Isolde nach Cornwall zu König Marke bringen soll, in seinem Glückskästlein als scherenschnittartigen Luxusliner vor.Links tobt Frau Isolde im Brautkleid, während Freundin Brangäne (manchmal schneidend scharf, sonst schön pastos: Marjana Lipovsek), die Bordzeitung lesend sich vom Steuermann (Ulrich Reß) die Cocktails servieren läßt.Links, in der Kabine, rasiert sich Herr Tristan, dessen Freund Kurwenal (luxusüberbesetzt und doch unspezifisch: Bernd Weikl) tobt, und der Meerprospekt dreht sich hurtig voran.Konversationsstück, stimmig und gekonnt auf den Punkt gebracht, bis alles verharrt (auch das Meer), als das Paar sich an den Todestrank macht.Der ist natürlich weder zum Sterben noch zum Lieben, Thomas Manns Diktum, der Trank könnte auch Wasser sein, folgend, hat ihn Brangäne längst ins Meer gekippt.Auch das hohe Paar hat schon vor dem tiefen Zug aus dem Longdrinkglas heftig gefummelt.Von der Seite dräut es nun schwarz herein - zum ersten Mal.

Ins Dunkle flüchten sich Tristan und Isolde auch im zweiten Akt, der in einem rotstämmigen, naiv gepinselten Märchenwald spielt; als Liebeslaube dient ein gelbes Blümchensofa.Das ist über lange Strecken sehr brav, bis unter Zurücklassung ihrer Kleidung beide fliehen wollen und vorwitzig aus dem Bild heraustreten.Doch König Marke (Kurt Moll, der beste aller Könige) holt sie mit seinem Bitten zurück.So sitzen sie zu dritt auf dem Sofa, ratlos, bis Isolde davongeht, der zögerliche Tristan, von Gewissensbissen geplagt, sich in Melots (Claes H.Ahnsjö) Schwert stürzt.Im dritten Akt, dem intensivsten, mit seinen Delirien und surrealem Wahn, stirbt Tristan dann - und eben nicht.

Innige Vision vom Glück

Es ist eine schöne, oft anrührende Deutung, einfach, gelassen und souverän.Man muß ihr nicht folgen, bei einem Stück wie diesem ist das legitim.Aber man muß Konwitschny dazu kriegen, auf sein kitschiges Schlußbild, Brangäne und Marke trauernd vor zwei weißen Särgen, zu verzichten.Das ruiniert fast seine innige Vision von zwei Menschen, die doch ihr Glück finden konnten.Man glaubt es kaum.

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